Die Zwei-Reiche-Lehre

Im Anschluss an die Lehre von Gesetz und Evangelium hat Luther ein bahnbrechendes Konzept zur Ethik entwickelt. Damit hat er politisch das Mittelalter verabschiedet, das sich nie einigen konnte, ob denn der christliche Kaiser oder der weltmächtige Papst in Europa die Oberhand hat.

Die zwei Regimente

Nach Luther regiert Gott die Welt in zwei Regimenten (Regierweisen) und schafft dadurch zwei „Reiche“ (Regierungsbezirke): das Reich der Welt und das Reich Gottes. Wie kommt Luther da drauf? Paulus schreibt in Röm 13: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit. Wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung“. Die Obrigkeit hat Recht und Gesetz gegen die Bösen dieser Welt mit dem Schwert (also notfalls mit Gewalt) durchzusetzen. Nun sagt aber Jesus in der Bergpredigt, „ dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern wenn dir jemand einen Streich gibt auf deine rechte Backe, dem biete die andere auch dar.“ Oder sogar: „Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen“. Diesen scheinbaren Widerspruch erklärt Luther so: „Deshalb hat Gott die zwei Regimente verordnet: das geistliche, welches durch den heiligen Geist Christen und fromme Leute macht, unter Christus, und das weltliche, welches den Unchristen und Bösen wehrt, dass sie gegen ihren Willen äußerlich Friede halten und still sein müssen.“ Das wirkt ganz so, als teile Gott die Menschen in zwei Gruppen: Unter den Gläubigen regiert er gewaltlos mit dem Evangelium. Unter den Bösen bewirkt er mit Gewalt, dass die Sünde nicht die ganze Welt in den Abgrund reißt.

Die Grenze verläuft durch mich durch

Nun war aber auch Luther klar, dass die Christen nicht auf einer Insel der Seligen für sich leben. Deshalb geht die Grenze zwischen den beiden Reichen in gleich doppelter Weise durch den einzelnen Christenmenschen selbst durch wie ein Obstmesser durch den Apfel:

1.) Ein Christenmensch ist für sich und jedem anderen Gläubigen gegenüber eine „Christenperson“; den Ungläubigen, aber auch allen weltlichen Belangen gegenüber, ist er eine „Weltperson“. Luther: „Darum lerne nur die Unterscheidung gut zwischen den zwei Personen, die ein Christ gleichzeitig auf Erden tragen muss, weil er unter anderen Leuten lebt und die Güter der Welt und des Kaisers gebrauchen muss genauso wie die Heiden.“ Das heißt konkret: Wenn mich jemand nachts auf dem Heimweg schlägt, muss ich mich fragen: Trifft mich das als Christ? Dann kann und soll ich ihm die andere Seite auch noch gewaltlos hinhalten – und ihm sogar vergeben. Als Weltperson kann ich aber fragen: Ist es gut, dass so jemand weiter frei herumläuft und Leute schlägt? Ist es nicht für meine Mitmenschen besser, die Polizei würde gegen ihn vorgehen? Dann müsste ich ihn anzeigen statt zu vergeben. Die Entscheidung, welche Sichtweise die Oberhand bekommt, nimmt mir keiner ab, kein Gesetz, keine Regierung, keine Moral, kein Bischof. In der „Freiheit eines Christenmenschen“ habe ich selbst die Entscheidung zu wagen. Das kann bis in die Berufswahl gehen, weshalb ein Christ mit gutem Grund auch Richter, Polizist, Soldat oder bei Luther „Henker“ werden kann.

2.) Gerade Luther wusste: Der Mensch wird die Sünde nicht los. Auch der Christ bleibt „gerecht und Sünder zugleich“. D.h.: Nicht nur als Person in der Welt, sondern als weltlicher Sünder unterliege ich sowieso auch dem weltlichen Regiment der gewaltführenden Obrigkeit. Dass Gott mir aufgrund meines Glaubens an Christus vergibt und mich als gerecht ansieht, darf die weltliche Obrigkeit, genauer: darf Gott in seinem weltlichen Schwert-Regiment nicht interessieren. Sonst würde Gott unter Christen in der Welt eine scheinheilige Amigo-„Gerechtigkeit“ aufrichten. Mein Glaube mindert also meine Verantwortung für die Welt und vor dem weltlichen Gesetz niemals. Drum: Wenn mein Chef mich besonders streng behandelt, geht es nicht an zu sagen: „Der ist doch Christ, der sollte milder sein!“ Gnade gehört ins Reich Gottes, nicht ins Reich der Welt.

Was soll uns das heute?

Luther schiebt zwei gängigen Vermischungen von geistlichem und weltlichem Regiment einen Riegel vor: Einerseits wird weltliche Macht immer wieder genutzt, um eine bestimmte weltanschaulich-religiöse Überzeugung durchzudrücken. Und auch wir müssen uns fragen: Gebrauche ich (z.B. in Erziehung und Bildung) weltliche Machtmittel, um anderen meine Weltanschauung aufzuzwingen?

Andererseits gab es schon zu Luthers Zeiten diejenigen, die die Welt mit dem Evangelium regieren wollen. Indem sie besonders geistlich tun, werden sie weltlich oft immer brutaler, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Hier maßt man sich aus lauter geistlicher Erfüllung weltliche Disziplinarmacht an und legitimiert sie noch religiös. Der IS oder auch manch „christliche“ Sekte wären hier Beispiele. Auch jeder von uns hat sich zu fragen – je fester der Glaube, desto mehr:  Leite ich aus meinem Glauben strikte Gestaltungs- und Machtansprüche über andere ab? Hier droht u.a. die Herrschaft der „Gutmenschen“, die andere moralisch drangsalieren. Aus dem Evangelium wird auf einmal wieder striktes Gesetz.

Arbeitsmarkt, Euro oder Flüchtlingspolitik: Als Christenperson habe ich den faktischen Nächsten liebevoll in den Blick zu nehmen; jetzt und in Zukunft. Und doch habe ich mich als „Weltperson“ rein vernünftig dafür einzusetzen, dass Gesetze gehalten werden und die Gesellschaft stabil bleibt. Eine einheitliche christliche Ethik kommt dabei gewolltermaßen nicht heraus. Aber christliche Freiheit, die verschiedene Lebensbezüge unterscheiden und verantwortlich entscheiden kann.

Pfr. Dr. Matthias Dreher