Luther – Gesetz und Evangelium

Für Luther ist die rechte Unterscheidung und zugleich die richtige Verknüpfung von „Gesetz“ und „Evangelium“ die Basis für alles gläubige Denken, Lehren und Hören. Was meint er mit diesen beiden Begriffen? Gottes Wort lässt sich aufteilen in zwei Sparten: Anspruch (Gesetz) und Zuspruch (Evangelium). Wenn Gott Mose die Zehn Gebote gibt, ist das Gesetz; wenn Christus spricht Mt 11,28: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken“ – dann ist das „Gute Botschaft“, Evangelium. Gesetz meint nach Luther alles – und nicht nur Bibelworte – worin Gott uns ein „Du sollst!“ kundtut. Was Jesus in der Bergpredigt sagt („Richtet nicht! – Liebt eure Feinde!“), ist ebenso Gesetz, wie dass ich in Beruf und Familie meine Pflicht zu erfüllen habe. Auch diese kommt von Gott. Überall, wo ich etwas tun muss, ist „Gesetz“. – Mit „Evangelium“ meint Luther nicht in erster Linie eine Schrift des Neuen Testaments, sondern die Botschaft: Christus hat dich erlöst!

Lucas Cranach d.Ä., Gesetz und Gnade, nach 1529, Germanisches Nationalmuseum

Der doppelte Gebrauch des Gesetzes

Das Gesetz hat nach Luther zwei Funktionen: Einmal soll es das äußere Leben unter uns Menschen regeln und ordnen. Luther nennt das den „usus politicus“: Politik und Justiz, kurz: die Obrigkeit, sorgen per Gesetz dafür, dass in der Gesellschaft Ordnung herrscht. Zuwiderhandlung wird bestraft. Daneben gibt es den „usus theologicus“: die geistliche Funktion des Gesetzes, von der Paulus schreibt Röm 3,20: „Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.“ Das Gesetz überführt mich in der Erkenntnis, dass ich es nicht, ja niemals erfüllen kann. Wenn ich mich mit Gottes Willen vergleiche, wie ihn Jesus in der Bergpredigt nochmals radikal zuspitzt („Darum sollt ihr vollkommen sein, wie Euer himmlischer Vater vollkommen ist“ Mt 5,48), kann ich nur verzweifeln. Denn auch Gott straft den Bruch seiner Gesetze. Wollte ich mit „Werken des Gesetzes“ zu Gott kommen, wird das nie klappen.

Das Evangelium

Aber jetzt bringt mir Hilfe – ausgerechnet der streng nach Gesetz richtende Gott. Er richtet nämlich die Sünde an seinem Sohn und schenkt mir dafür das Leben. Luther sagt es so: Im Evangelium wird „verkündigt die heilsame Lehre des Lebens von göttlichen Zusagungen und angebotener Gnade und Vergebung der Sünde; darum gehört zum Evangelium kein (menschliches) Werk, denn es ist nicht Gesetz, sondern allein Glaube“. D.h. aber: Nur wer das Gesetz kennt, ja wer daran am Verzweifeln ist, kann das Evangelium recht hören, verstehen und aufnehmen. Darum hat sich Luther streng dagegen verwahrt, auf der Kanzel nur noch Evangelium zu predigen. Nein, das Gesetz muss auch gepredigt sein, sonst wird Gottes Wille nicht mehr laut und dringt auch das Evangelium gar nicht durch. Wo aber das Evangelium von der Vergebung der Sünden gepredigt wird und durch den Heiligen Geist in die Herzen der Menschen dringt, da entsteht Kirche – als „Schöpfung des Evangeliums“.

Was soll uns das heute?

Wer sich umhört in unserer evangelischen Kirche nah und fern, nimmt zwei gegenläufige Strömungen wahr: Zum einen wird vielerorts recht einseitig getröstet, gestärkt, ermutigt, ohne dass dabei auf Gottes klaren Willen hingewiesen würde.
Jeder darf anscheinend so sein und bleiben, wie er ist. Gesetzesvergessene Predigt – das nennt man mit Bonhoeffer „billige Gnade“ oder mit Karl Marx „Opium für das Volk“. Aus dem Ernst von Sünde und Erlösung wird Sonntags-Wellness.
Die andere Strömung ist die, mit der sich die Kirche an Medien und Politik wendet. Da ist gern von „christlichen Werten“ die Rede. Und wenn Politiker diese Worte in den Mund nehmen, klingt es ganz so, als bestünde das Christentum v.a. in „Werten“. Dabei sind „Werte“ nichts anderes als ein großes „Du sollst!“, also Gesetz.
Wer Werte als Kern des christlichen Glaubens proklamiert, meint evangeliumsvergessen immer noch, mit eigenem Tun sich und die Welt retten zu können oder zu müssen. Luther dagegen hat uns den Skandal eingeschärft, dass wir zu unserem Heil nichts tun können. Ja!, meinte er radikal: Wir können von uns aus nicht einmal den Willen aufbringen, Christus anzunehmen. Das einzige, was hilft, ist der Blick von mir weg auf Christus, der schon alles für mich getan hat.
So entsteht Glaube. Gute Werke, ganz nach Gottes Gesetz, quellen dann aus mir ganz von selbst. Denn wer mich so liebt, dass ich ihn liebe, dem will ich auch gefallen. So ist’s evangelisch.

Pfr. Dr. Matthias Dreher