Nürnberg – Stadt der Reformation

Als „Auge und Ohr Deutschlands“ hat Luther unsere Stadt bezeichnet. Hier wurden 1518 seine 95 Thesen erstmals deutsch gedruckt und verbreitet. Er selbst hat Nürnberg zweimal als Reisestation kennen gelernt: 1510/11 auf der Romreise und 1518 auf der Reise nach Augsburg zum Verhör durch Kardinal Cajetan, dem er den Widerruf seiner Thesen verweigerte.

Es waren andere, die dafür sorgten, dass Nürnberg 1525 zur evangelischen Stadt wurde. Zwei seien hervorgehoben:

Lazarus Spengler (1479-1534)

Mit 30 Jahren wird der gebürtige Nürnberger in seiner Vaterstadt „vorderster Ratsschreiber“: Er leitet die städtische Verwaltung und trägt damit entscheidende Verantwortung für das öffentliche Leben. Spengler ist früh von Luther angetan, schreibt 1519 die Schutzschrift „Warum Dr. Martin Luthers Lehr nicht als unchristlich verworfen, sondern mehr für christlich gehalten werden soll“ und verfasst  weitere Flugschriften für die evangelische Position. Als ihm 1520 ebenso wie Luther der Kirchenbann angedroht wird, widerruft er, um seine bürgerlichen Rechte nicht zu verlieren. 1521 gehört er zur Delegation, die der Nürnberger Rat zum Reichstag nach Worms schickt. Das Wormser Edikt, das auch die Lektüre und Verbreitung von Luthers Schriften verbot, weicht Spengler für Nürnberg juristisch auf. Überhaupt blieb die Umsetzung der Reformation in Nürnberg eine politische Gratwanderung: Die freie Reichsstadt will es sich mit dem „katholischen“ Kaiser keinesfalls verderben. In dieser Zwickmühle gelingt es Lazarus Spengler mit lutherischem Glauben und politischer Gewandtheit, die nötigen Freiräume für neue kirchliche Strukturen zu schaffen. 1533 erlebt er noch als Krönung seines Lebenswerkes die Einführung der gemeinsamen Brandenburg-Nürnbergischen Kirchenordnung.

Luther, der mit dem Nürnberger Ratsherrn sehr verbunden war, stellte in seinen Tischreden fest: „Lazarus Spengler allein hat das Evangelium in Nürnberg eingeführt und er allein hat erreicht, dass es dort bis heute Bestand hat.“

 

Andreas Osiander (1496-1552)

Osiander wurde 1496 als Sohn eines Ratsherrn in Gunzenhausen geboren. Ab 1515 studierte er Theologie in Ingolstadt. Doch sein Professor Johannes Eck, der Widersacher Luthers, warf ihm vor, er sei mehr sein  eigener Lehrer gewesen. Neben Latein  und Griechisch konnte er besonders gut auch Hebräisch. Anders als Luther hat er sich zeitlebens für die Juden und ihre Rechte eingesetzt. Als Eck eine Verbrennung von Luthers  Büchern plant, wird dies auch von Osiander verhindert. 1520 kommt er als Hebräisch-Lehrer ans Augustinerkloster nach Nürnberg und wird wohl zu dieser Zeit zum Priester geweiht. Luthers Beichtvater Johann von Staupitz ist nun öfter in Nürnberg und „impft“ das Kloster mit Luthers neuer Theologie. So gelangt auch Osiander zu der Überzeugung: Was der sündige Mensch  vollbringt, ist nicht gut; wo gute Werke  getan werden, gehen sie auf Gott zurück.  Was gut ist, entscheidet sich am Glauben.  – In Nürnberg wird er bald stadtbekannt und von Lazarus Spengler oder Willibald Pirckheimer hoch geschätzt.  1522 beruft man ihn zum Prediger an St. Lorenz, wo er immer wieder – auch während der Reichstage – kirchliche Missstände anprangert. Als sich ein päpstlicher Legat 1524 in Nürnberg aufhält, predigt Osiander gar über den Papst als Antichristen.  Auch kritisiert er die Abendmahlspraxis und fordert vom Rat die Einführung des Laienkelches. 1529 nimmt er am gescheiterten Marburger Religionsgespräch über das Abendmahl zwischen Luther und dem Zürcher Reformator Zwingli teil.

Die Ein- und Durchführung der Reformation in Nürnberg ist ohne Osiander nicht denkbar. Oft angefragt gibt er theologische Begründungen  und schreibt große Gutachten, die breite Anerkennung finden – etwa zur Feiertagsordnung, zu Eidesformeln oder Eheverfahren. Da die Neuerungen auch die Nürnberger Klöster betreffen, wachsen allerdings auch Bedenken gegen ihn, etwa bei Pirckheimer und dessen Schwester Caritas, der Äbtissin des Klaraklosters, die ihr Kloster erhalten möchte. Osiander wirkt maßgebend mit an den Kirchenordnungen für Ansbach-Kulmbach (1528) und Brandenburg-Nürnberg (1533). Der Rat schätzt ihn sehr, obwohl es mit dem persönlich schwierigen Mann ständig Querelen gibt. 1549 wird er als Theologieprofessor nach Königsberg berufen und gerät dort in Streit mit den Anhängern Melanchthons. Dabei ging es um die Frage, ob der gläubige Christ Sünder bleibt oder – wie Osiander meinte – nun seinem Wesen nach gerecht ist. 1552 starb Osiander und wurde in Königsberg begraben.

Pfarrer Christopher Krieghoff, Dr. Martin Staebler & Dr. Matthias Dreher

 

Titelbild:
Anonym: Taufe Christi mit den Reformatoren Nürnbergs, um 1560. Riesenholzschnitt von 5 Stöcken, koloriert. Bildnachweis: Museen der Stadt Nürnberg, Kunstsammlungen