Rechtfertigung

Kern und Stern von Luthers gläubigem Denken ist die Lehre von der Rechtfertigung.

Dieser Begriff macht Probleme. Zum einen hat „Rechtfertigung“ mit einer unangenehmen moralischen oder sogar juristischen Situation zu tun: Ich stehe unter Vorwurf oder gar Anklage und brauche nun Rechtfertigung. D.h. jemand oder ich muss es schaffen (fertigen), dass ich trotz des Vorwurfs im Recht bin. So eine peinliche Lage verbinden wir nicht gerne mit Religion und Gott. Der Apostel Paulus hat aber genau darin unsere Grundsituation vor Gott gesehen. Luther sagt sogar, christliches Denken habe letztlich immer vom „Menschen als Angeklagten und Gott, der rechtfertigt“ zu handeln.

Das führt zum zweiten Problem: Wir benutzen „Rechtfertigung“ nur noch im Sinne von „sich rechtfertigen“: Ich muss mich einem Vorwurf stellen und rechtfertige mich. „Rechtfertigung“ ist für uns in der Regel dasselbe wie „Selbstrechtfertigung“. Dadurch entsteht größte Verwirrung, da für Luther „Rechtfertigung“ das ewige Heil bei Gott, „Selbstrechtfertigung“ aber Unglaube und Sünde schlechthin bedeutet.

Worum geht es genau? Grundlage ist die Verkettung von „Gesetz“ und „Evangelium“: Das ganze Gesetz Gottes, seinen vollen Willen kann kein Mensch erfüllen. Und so stellt Paulus fest: „Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen“ (Röm 3,10.23). – Uns fiele da vielleicht die Flucht ein in das Bild der Waage: Reicht es nicht, wenn sich die Waagschale mit den guten, gesetzesgemäßen Werken senkte statt der anderen? Nein!, sagt Paulus. Wer sich mit Werken des Gesetzes rechtfertigen will, der muss das Gesetz Gottes schon komplett erfüllen (Gal 3,10-12). Aber das schafft niemand. Luther hat’s versucht und ist daran im Kloster völlig verzweifelt.

Doch dann geht Luther in seinem professoralen Studier-Turm die Erkenntnis auf: Er brütet über Römer 1,17, wo Paulus das Evangelium von der „Gerechtigkeit Gottes“ mit dem Propheten-Zitat erklärt: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ Luther, der Gottes richterliche Gerechtigkeit bislang heimlich gehasst hat, jubelt nun auf: „Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes als die Gerechtigkeit zu verstehen, durch die der Gerechte als durch Gottes Geschenk lebt, nämlich aus dem Glauben, und begriff, dass dies der Sinn sei: Durch das Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbar, und zwar die passive, durch die uns der barmherzige Gott durch den Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte lebt aus Glauben‘. Da fühlte ich, dass ich geradezu neugeboren und durch die geöffneten Pforten in das Paradies selbst eingetreten war.“
Damit beschreibt Luther – aufgrund seiner eigenen Erfahrung – die erst durch die Sünde verwirkte und dann wieder geglückt reparierte Gottesbeziehung: Gott bleibt als Richter seinem Gesetz treu, zieht aber alle Strafe für den Verstoß auf seinen Sohn zusammen. Es kommt zum „fröhlichen Wechsel“, wie Luther sagt, zwischen Jesus Christus und mir: Er nimmt meine Sünde auf sich, ich bekomme seine Gerechtigkeit. Das anzunehmen heißt Glaube. Für diesen Glauben schenkt mir Gott Gerechtigkeit, d.h. Gott rechtfertigt mich; er nimmt mich an trotz all meiner Gesetzesverstöße. Nicht, dass ich dadurch eine neue Eigenschaft bekäme, sondern meine Beziehung zu Gott wird neu. „Gerecht“ (= anerkannt) bin ich nie „für mich“ oder „an sich“, sondern immer nur in den Augen Gottes.

Heißt das, ich kann als Schweinehund dahinleben und Gott sagt immer wieder „Basst scho!“ dazu? Nein, denn nach Luther weiß der Glaube, dass er die Gnade, die Jesus am Kreuz vollbringt, dringend braucht. Das heißt der Gläubige tut immer auch Buße für seine Sünde und versucht, der von Gott geschenkten Gerechtigkeit zu entsprechen. Rechtfertigung durch Gott ist weder ein Freibrief zum Sündigen noch bestätigt sie mich einfach so, wie ich bin, noch in dem, was ich tue. Weil sie „passiv“ ist und ich also nichts aktiv zu meiner Rechtfertigung bei Gott tun kann, beleidigt sie immer auch das natürliche Ego. Deshalb lebt auch im evangelischen Bereich immer wieder gern die Kombi-Rechtfertigung auf: Ich muss mich doch bemühen, die Waagschale mit guten Werken zu füllen. Dann honoriert Gott das und legt aus seiner Gnade noch ein paar Gewichte drauf und die Schale senkt sich zu meinen Gunsten. – Nein, singt Luther, „es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben“ (Gesangbuch Nr. 299,2)! Damit meint er nicht „umsonst an sich“, sondern umsonst zur Rechtfertigung. – Eine Kränkung des autonomen, selbstmächtigen Menschen.

Zugegeben: Die Rechtfertigungslehre klingt etwas juristisch trocken. Aber Luther war in seinem Glauben so glühend, dass er die Rechtfertigung auch ganz emotional als lebendige Beziehung zwischen Gott, Christus und ihm (oder mir) selbst schildern konnte.

„Mir ist es bisher wegen angeborener Bosheit und Schwachheit unmöglich gewesen, den Forderungen Gottes zu genügen. Wenn ich nicht glauben darf, dass Gott mir um Christi willen dies täglich beweinte Zurückbleiben vergebe, so ist’s aus mit mir. Ich muss verzweifeln. Aber das lass‘ ich bleiben. Wie Judas an den Baum hängen, das tu‘ ich nicht. Ich hänge mich an den Hals oder Fuß Christi wie die Sünderin [Lk 7,36ff]. Ob ich auch schlechter bin als diese, ich halte meinen Herrn fest. Dann spricht er zum Vater: ‚Dieses Anhängsel muss auch durch. Es hat zwar nichts gehalten und alle deine Gebote übertreten. Vater, aber er hängt sich an mich. Was will’s! Ich starb auch für ihn. Lass ihn durchschlupfen.‘ Das soll mein Glaube sein.“

Pfr. Dr. Matthias Dreher

 

Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen.

Paulus, Galater 2,16