Weil ich etwas bewirken kann…!

Ein Jahr „Café O.K.“ und warum es sich lohnt, dabei zu sein.

Wir alle sahen die surreal wirkenden Bilder von Menschen in Booten auf dem Mittelmeer im Fernsehen und hören von Schicksalen und statistischen Erhebungen in den Nachrichten. Das alles ist weit weg von unserem Leben hier in Nürnberg und doch gehören diese Meldungen schon zu unserem Alltag.

Es schockiert nicht mehr, es ist nicht mehr brandaktuell. Dennoch sorgt das Thema der Flüchtlinge immer wieder für Gesprächsstoff, Meinungsverschiedenheiten und Unsicherheiten. Auch bei uns in Ziegelstein und Buchenbühl sind Geflüchtete längst angekommen und fordern uns heraus, sich mit ihnen zu beschäftigen. Denn hinter jedem Flüchtling steckt immer ein Mensch mit seiner Geschichte.

Aus dem „Arbeitskreis Flüchtlinge“ bildete sich im Februar 2016 ein Helferkreis heraus, der inzwischen über 100 Freiwillige HelferInnen zählt, die sich mit und für die Angekommenen engagieren. Neben gemeinsamem Sport, Deutschkursen, Kinder- und Hausaufgabenbetreuung, Begleitung zu Ärzten und Ämtern usw. gibt es einen ganz besonderen Ort der Begegnung: Das „Café O.K.“, das nun seit einem Jahr, monatlich im Kulturladen in Ziegelstein stattfindet. Beatrice Koca hat die hauptamtliche Zuständigkeit für das Café und betreibt es mit Hilfe von über 10 Ehrenamtlichen.

Doch was bewegt Menschen dazu, Flüchtlinge kennenlernen zu wollen? Ist denn keine Angst da, dass man sie nicht versteht? Angst vor dem Fremden, vor anderen Kulturen? Und ist es nicht eine große Verbindlichkeit und zeitintensiv, sich dort zu engagieren? Ingrid Kohl (IK) aus Buchenbühl, Helga Kragler (HK) und Birgit Frühling (BF) aus Ziegelstein sind von Anfang an im „Café O.K.“ dabei und stehen für unseren Gemeindebrief Rede und Antwort.

Wie kommt man auf den Gedanken, sich ehrenamtlich in der Arbeit mit Flüchtlingen zu engagieren?
HK: Bei mir war es wohl das Helfersyndrom. Und ich dachte, Kaffee kochen und Kuchen backen, das kann ich.
IK: Mein Mann hat mich zum ersten Treffen mitgenommen. Weil ich auch weitere Ehrenämter habe, waren für mich die zwei Termine pro Monat im Café genau das Richtige. Ich wollte die Flüchtlinge kennenlernen, wollte wissen, was für Menschen hinter „diesen Flüchtlingen“ stecken.
BF: Von den verschiedenen Möglichkeiten an Hilfsangeboten, hat mich das Café sofort angesprochen. Ich habe selbst 3 Kinder und die Bilder im Fernsehen haben mich sehr berührt. Was muss da für ein Druck und eine Angst sein, sich mit Kindern auf die Flucht zu begeben!

Hatten Sie denn keine Angst vor der Sprachbarriere?
IK: Gedanken habe ich mir anfangs schon gemacht. Aber ein Übersetzer für Arabisch ist immer da und es geht auch mit Händen, Füßen und Bildern. Es kam auch schon vor, dass wir mit Stift und Papier Strichmännchen gezeichnet haben, um uns zu verständigen. Eine unserer Mitarbeiterinnen lernt sogar Arabisch.
HK: Viele haben schon einen Deutschkurs gemacht. Durch gemeinsame Spiele, z.B. beim Memory, haben wir die Namen in allen möglichen Sprachen gehört.
BF: Die sprachliche Verständigung ist sehr wichtig. Deutschkurse alleine reichen nicht aus, es müssen eben auch Zeit und Gelegenheiten zum Reden da sein. Bei uns im Café haben die Menschen die Möglichkeit, ganz nebenbei im Gespräch, deutsch zu sprechen.

Wie sieht denn überhaupt der Ablauf im „Café O.K „so aus? Gibt es ein Programm?
HK: Es gibt immer Kaffee und Kuchen. Die Besucher bringen auch manchmal spontan etwas mit.
IK: Ein Thema, das von unserem Team vorbereitet wird, begleitet uns durch den Vormittag. Wir schauen, wo der Bedarf ist und nehmen Vorschläge entgegen. Bisherige Themen waren beispielsweise Ostern, die Rolle von Mann und Frau, oder Obst und Gemüse. Wir haben gemeinsam Kürbissuppe gekocht und zu Ostern hin mit viel Spaß Eier bemalt.
BF: Es wird auch mal zusammen gesungen, z.B. „Bruder Jakob“ oder „Happy Birthday“ in den verschiedensten Sprachen.

Kann man denn auch einfach vorbei kommen, ohne offiziell mitzuarbeiten?
HK: Klar! Wir freuen uns über jeden, der kommt und sei es einfach nur auf eine Tasse Kaffee – ganz unverbindlich.

Welche neuen Eindrücke und Erfahrungen haben Sie durch das „Café O.K.“ gewinnen können?
IK: Ich habe die Angst vor den Fremden verloren. Die Menschen, die zu uns kommen sind dankbar, höflich und hilfsbereit. Natürlich kann man auch schlechte Erfahrungen machen aber das ist nicht anders, als bei anderen Menschen auch. Was mich sehr bewegt, sind die Erzählungen von der Flucht und der zurückgelassenen Familie. Das, was man im Fernsehen sieht, ist nur ein Bruchteil dessen, was diese Menschen erlebt haben. Oft höre ich, dass es den Flüchtlingen ja gar nicht so schlecht gehen kann, weil sie alle ein Handy haben. Man muss aber bedenken, dass Bilder und Nachrichten auf dem Handy für viele die einzige Verbindung und Erinnerung an die zurückgelassenen oder verunglückten Menschen sind.
BF: Das Café bietet einen Raum, in dem Vorurteile abgebaut werden und Beziehungen entstehen können. Aus „dem Flüchtling“ wird eben ein Mensch, wie Sie und ich.

Was gibt ihnen denn die Zeit im „Café O.K.“? Warum ist ihnen diese Arbeit wertvoll?
IK: Ich habe Ablenkung vom Alltag und das Gefühl, mich mit wirklich wichtigen Dingen zu beschäftigen. Das ist für mich gelebte christliche Nächstenliebe.
BF: Ich weiß, dass ich wirklich helfen kann und etwas bewirke. Und sei es nur im Kleinen. Es ist schön zu erleben, dass sich Beziehungen aufbauen, ohne dass Herkunft und Sprache eine Rolle spielen. Für die Flüchtlinge ist das Café einfach ein wertvoller Ort, um mit Menschen in Kontakt zu kommen.

Gibt es persönliche Highlights aus dem ersten Jahr?
BF: Ich habe zwei Familien, die ich intensiver begleite. Es besteht ein starkes Vertrauen zwischen uns. Ich übernehme Verantwortung, die mich stark für andere macht. Sogar bei der Geburt des ersten „O.K.-Babys“ durfte ich dabei sein. Ich erlebe, dass es nicht nur ein Geben ist, sondern dass ich auch unheimlich viel zurückbekomme.
IK: Eine Frau hat mir von ihrer Flucht erzählt. Seit dem umarmen wir uns, wenn wir uns sehen. Sie hat mir einen Teil ihrer Geschichte offenbart und so sind wir irgendwie zusammengewachsen. Ein anderes Highlight war, dass ein Krankenpfleger aus Syrien gesagt hat, dass er nicht mehr zum Café kommen kann, weil er eine Stelle im Nordklinikum bekommen hat. Zum Glück hatte er alle seine Papiere aus Syrien dabei. Ich habe mich so darüber gefreut!

Haben Sie Wünsche für die Zukunft vom „Café O.K.“?
HK: Einen Raum mehr! (lacht) Manchmal wird es schon etwas eng im Kulturladen.
IK: Ich fände es schön, wenn mehr Ziegelsteiner und Buchenbühler kämen, es soll ja ein Begegnungscafé sein.

Vielen Dank für das Gespräch und Ihren engagierten Einsatz! 

 

Nächstes „Café O.K.“ ist am 27.06.2017 von 10:00-12:30 Uhr im Kulturladen in Ziegelstein