Das Ende des Kirchenjahres

 

Das Kirchenjahr hat etwas Widersprüchliches an sich: Es wiederholt in unablässigem Kreislauf „alle Jahre wieder“ Gottes an sich einmalige, auf die Ewigkeit gerichtete Heilstaten. Diese ständige Wiederholung macht es uns Menschen leichter, Gottes Wirken zu verinnerlichen. Denn er selbst stellt uns seine Taten so immer wieder und wieder vor Augen. Wo stünden wir im Glauben, wenn wir nur ein einziges Mal Weihnachten oder Ostern erleben dürften?

Das Ende des Kirchenjahres widmet sich dem Ende der Zeit überhaupt, dem strengen, richtenden Gott und dem Beginn der Ewigkeit – schwere Kost.

Apokalypse, Weltuntergang, Jüngstes Gericht. Da tauchen bedrückende Bilder auf und – wenn man sie wörtlich nimmt – auch Angst. Wer das alles als kalten Kaffee aus längst vergangener Zeit ansieht, zuckt dagegen nur mit den Schultern und wartet, dass der triste November endlich der Vorweihnachtszeit weicht.

Und wir? Als Christenmenschen lesen wir diese alten, teils gewalt-satten, teils tröstlichen Schilderungen und Visionen und können doch so viel verstehen:

  1. Die Welt und die Menschheit bestehen nicht selbstverständlich.
  2. Sie liegen in der Hand des Schöpfers; er kann sie wieder auflösen.
  3. Gott macht uns verantwortlich für unser Tun – eher als uns vielleicht lieb ist. Er hat uns gesagt, was er von uns will (10 Gebote). Er hat uns in Jesus Christus gezeigt, wie er uns liebt und wie wir ihn zurücklieben können. Das will er sehen.
  4. Gottlob ist Gott unser Richter (und nicht das Schicksal, nicht die Geschichte, nicht mächtige Menschen): ein Richter, der gegenüber Glauben und Buße Gnade walten lässt.
  5. Wie Gott am Ostermorgen eingegriffen hat in Jesu Grab, so wird er es auch in unseren Gräbern tun und uns versammeln zum ewigen Friedensfest in seinem Reich.

Der Drittletzte Soseite-4-5_bild_klnntag im Kirchenjahr handelt vom unerwarteten Kommen des Reiches Gottes; also davon, dass wir uns jederzeit vor Gott verantworten können sollten.

Den Vorletzten Sonntag prägt die Prophezeiung vom Weltgericht. Passend überlagert wird der Tag vom weltlichen Volkstrauertag zum Gedenken an die Opfer der Weltkriege und weiterer Gräuel. Auch dieses Gedenken leitet zur Buße.

Der Mittwoch darauf wurde in den meisten Landeskirchen 1893 zum Buß- und Bettag bestimmt. Aus der ursprünglichen Staats-Buße in allgemeinen Krisenzeiten ist heute Buße im Angesicht gesellschaftlicher Probleme und einer der wenigen Beicht-Termine des Kirchenjahres geworden.

Der Letzte Sonntag wurde 1816 – also vor genau 200 Jahren – durch den preußischen König zum Totensonntag erklärt – als Gegenstück zum katholischen Allerseelen-Fest. Seit Mitte des 20. Jh. hat sich unter Beibehaltung des Totengedenkens der Name „Ewigkeitssonntag“ durchgesetzt, um Trost und Ziel unserer verstorbenen Glaubensgeschwister anzuzeigen.

Johannes, der Seher des letzten Buches der Bibel, schreibt: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ Offenbarung 21,4-5

Pfarrer Dr. Matthias Dreher

Nachtgruß

Weil jetzo alles stille ist

Und alle Menschen schlafen,

Mein Seel das ew’ge Licht begrüßt,

Ruht wie ein Schiff im Hafen.

Der falsche Fleiß, die Eitelkeit,

Was keinen mag erlaben,

Darin der Tag das Herz zerstreut,

Liegt alles tief begraben.

Ein andrer König wunderreich

Mit königlichen Sinnen,

Zieht herrlich ein im stillen Reich,

Besteigt die ew’gen Zinnen.

Joseph von Eichendorff