Sonntagsgedanken zum Lesen & Hören – 19. April

Hier finden Sie die Sonntagsgedanken auch zum Anhören.

Liebe Gemeinde!

Trotz Frühjahrsputz und Ostern, trotz Auferstehung und schönem Wetter, die Müdigkeit ergreift uns in diesen Tagen ganz schön, oder Sie nicht? Mich schon. Die Beschränkungen unseres Alltags machen ein langsam mürbe, sie lähmen unsere Aktivität und ernüchtern unsere Fröhlichkeit. Und doch sollen wir am heutigen Sonntag sein wie die Neugeborenen, denn so heißt er ja schließlich dieser Sonntag. Neu geboren werden, das verheißt uns nicht nur dieser Sonntag, sondern jede Erinnerung an unsere Taufe zieht uns hinein in die Lebensstärkung und Neuschöpfung durch Gott.

Wenn aber unser momentanes Lebensgefühl nicht unbedingt zu dem „Sich wie neugeboren fühlen“ passt, wenn eher Müdigkeit vorherrscht, oder schlimmer noch Erschöpfung oder gar Depression?
Dann mag uns der Text aus Jesaja (Kap 40,26-31) eine Hilfe und Verheißung sein, Worte, die viel Mut machen. Sie sind ein Motivationstraining für Ausgepowerte. Müde und matt, am Boden zerstört, kraftlos, antriebsschwach – das sind nur ein paar Stichworte, die uns Jesaja hier gibt. Wir wissen, wovon er spricht. Kennen das.

Was kann man dagegen tun? „Kopf hoch!“ So fängt es an. „Hebet eure Augen in die Höhe und seht!“ Dieses „Kopf hoch!“ ist aber ein anderes als das gutgemeinte, schulterklopfende „Kopf hoch“ von Kollegen oder Freunden. Es ist kein: „Nun raff dich mal auf!“ Sondern ein: „Nun schau dir mal was anderes an. Entdecke etwas Neues. Blick mal weg von dir und dem, was dich wie ein Brei umgibt!“
Horizontveränderung gehört zur Motivation. Was gibt es da zu sehen und zu entdecken? Die Welt. Und das Gefühl, von Gott umgeben zu sein, der so viel Schönheit und so viele Möglichkeiten in die Welt und das Universum gepackt hat. Blick dich nur um. Ja, und du darfst dich ruhig auch mal ablenken lassen von deinen Schwierigkeiten. Und wieder auftanken bei Gott, der Quelle des Lebens; und wieder aufatmen, weil du merkst, wie groß Gott ist. Das kann eine Hilfe sein gegen die Kraftlosigkeit, wahrnehmen, dass Gott uns mit vielem Guten umgibt.

Und doch bleibt angesichts der göttlichen Schöpfung um uns herum, vielleicht eine Müdigkeit, eine Erschöpfung zurück, weil jemand mehr als nur ein Motivationstief hat. Wir Menschen, ganz gleich ob jung oder alt, stoßen in unserem Leben immer wieder an Grenzen. Und die momentane Situation, kann uns alle Kräfte rauben. Ob wir nun die Isolation pschychisch nicht ertragen oder in unserer wirtschaftlichen Existenz gefährdet sind. Irgendwann wird jeder einmal „müde und matt“ oder „strauchelt und fällt“ – wie es im Text heißt. Das ist so, weil ganze Lebensentwürfe zerstört werden und alles, worauf man sich vorher hatte verlassen können, irgendwie abhandengekommen ist.
Und wo ist dann da Gott? „Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber.“ Mit diesen Worten zitiert Jesaja die Leidenden. Ist Gott das Schicksal seiner Gläubigen egal? Bedeutete nicht sein Name: Ich bin bei dir?

Und doch bietet jede Krise auch die Chance zum Nachdenken, so sieht es jedenfalls der Prophet Jesaja. Es ist zu einfach, sich müde und matt in sein Loch zu verkriechen und zu schmollen, dass Gott uns nicht hilft. Die Krise kann auch die Chance sein für das Erinnern. Erinnern, wie es vorher war, erinnern, wie die letzte Krise bewältigt wurde, wie andere eine Krise bewältigt haben. Denn: Sich an die guten Tage zu erinnern, kann Lebenskraft schenken!

Gott ist unser Schicksal nicht egal und unser Werdegang ist ihm nicht gleichgültig und ebenso gehen unsere Probleme an ihm nicht vorbei. Für mich ist es schon ein Phänomen, ja ein Wunder, dass der unendlich große und allmächtige Gott sich Zeit für eine jede und jeden von uns nimmt, in dem er uns zuhört, in dem er sich um uns Gedanken macht und für uns sorgen will. 
Dies stellt der Prophet Jesaja ganz schlicht und einfach als einen Tatbestand fest. So wie man einen leeren Akku auflädt, genauso macht Gott es mit uns. Vertrauen bedeutet im hebräischen Urtext: verbunden oder angeseilt sein. Verbinde einen leeren Akku mit dem Aufladegerät, dann geht der Strom in ihn über. Der Akku, er nimmt den Strom auf, bis er voll geladen ist und gibt ihn dann wieder ab. Ja, er hat dann wieder Kraft, die er weiter geben kann.
Im Grunde ist dies ein recht komplizierter Vorgang, der da in unseren Herzen geschieht und der Vergleich mit dem Akku ist eigentlich viel zu einfach. Gott lässt uns, die wir mit ihm verwurzelt sind, Kräfte nachwachsen, so wie es auch bei den Pflanzen geschieht, die mit ihren Wurzeln aus dem Boden die Kraft holen, die sie brauchen.
Aber alle, die auf den Herrn vertrauen, bekommen immer wieder neue Kraft, es wachsen ihnen kräftige Flügel. Denn „die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Pfarrerin Alexandra Dreher