Sonntagsgedanken zum Lesen und Hören am 3. Mai

Die Sonntagsgedanken zum Hören

Liebe Gemeinde,

Abstand halten und zusammenhalten, das ist ein typisches Motto für die Coronakrise und eine schöne Empfehlung. Jesus verwendet auch ein Bild, um uns Mut zum Zusammenhalt zu machen. Der Abstand war dabei noch nicht das Gebot der Stunde, eher ein Zusammenwachsen. Zusammenhalt zeigt sich in Jesus Bild so: Er ist der Weinstock, Gott ist der Weingärtner und wir sind die Reben, also die einzelnen Äste an diesem Weinstock. Und alles das, was wir dann tun, sind unser Früchte. Und für Jesus ist ganz klar, Früchte, die ein Weinstock und seine Reben hervorbringen, sind etwas Gutes.

Er versucht uns zu sagen, dass es eine klare Sache ist, wie wir Reben Früchte hervorbringen können.

Einmal ist es natürlich ganz wichtig, dass wir vielen kleinen oder großen Triebe am Weinstock wachsen. Jesus lässt uns also Zeit, wir müssen nicht sofort Früchte tragen. Wir haben Zeit, wir dürfen uns erst einmal anhören, wie das ist mit Gott und seiner Botschaft. Wir dürfen immer wieder erst mal nur hören, was Gott uns sagen will, ohne gleich etwas tun zu müssen. Wir dürfen dabei auch Fragen stellen und unsere Zweifel äußern an dem, was in der Bibel steht oder was andere uns vom Glauben erzählen. Unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden, von denen am heutigen Sonntag fünfzehn ihre Konfirmation gefeiert hätten, haben sich fast ein ganzes Jahr Zeit genommen, um genau das alles zu machen. Und das ist schon sehr viel. Aber damit muss es nicht aus sein. Wir alle haben immer wieder die Möglichkeit, uns die Zeit zu nehmen, neu auf Gott und seine Botschaft zu hören, sie zu hinterfragen und neu zu verstehen. Wir Reben haben Zeit zum Wachsen im Glauben.

Doch dieses Wachsen geht nicht immer so aalglatt seinen Gang. Auch in einem Weinberg gibt es Stürme, Hagel und Schnee. So ist das auch in unserem Leben. Es gibt Zeiten, da habe ich das Gefühl, mich trifft es ganz schön hart. Nichts gelingt mir von dem, was ich  mir vorgenommen habe. Ich muss eine Schwierigkeit nach der anderen bestehen und es wird nicht besser. Solche Lebensstürme können einen ganz schön beuteln und dann wird es schwer oder gar unmöglich, daran zu denken, ein guter Mensch zu sein. Und dann ist es auch schwer auf Gott und seine Hilfe zu vertrauen.

In solchen Situationen ist es wichtig, dass Jesus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Und so ein Weinstock hat nicht nur einen Ast. Es gibt da viele andere Äste, ganz verzweigt ist diese Pflanze. Und so können die anderen Zweige Schutz bieten gegen das Anstürmen des Windes und so ein Abbrechen verhindern. Das bedeutet, wir sind nicht allein, schon gar nicht in einer Gemeinde. Da gibt es ganz verschiedene Menschen und Gruppe. Auf die darf ich mich verlassen, wenn mich das Leben beutelt. Da wird es immer wenigstens eine oder einen geben, der Rat weiß, mir zuhört, mich tröstet oder mir ganz konkret helfen kann.

Manchmal kann es sogar so sein, dass mir einfach die Gemeinschaft als Ganzes hilft. So erzählte mir mal eine Frau, dass es ihr beruflich und privat so schlecht ging, dass sie keinen Ausweg mehr sah. Und beten hilft ja auch nichts, anders konnte sie es in ihrer Situation gar nicht sehen. Da hat sie sich einfach in einen Gottesdienst gesetzt und gesagt: Ich mach hier nichts, ich bete nicht, ich singe nicht. Und dann: Alle die Menschen um sie herum haben aber gebetet und gesungen und auf einmal hat sie gemerkt. Ich muss gar nichts tun und trotzdem passiert was. Die anderen, die ganze Gemeinde tut für mich mit und trägt mich damit durch den Gottesdienst. Das hat ihr auch wieder Mut gegeben, ihre berufliche Situation anzupacken. Schön, wenn so etwas ab nächsten Sonntag wieder möglich ist.

Wir dürfen uns darauf verlassen, dass die Gemeinde uns trägt auch in schwierigen Zeiten.

Um nun aber neben dem Wachsen und dem Bestehen der Stürme auch noch Früchte hervorzubringen, dazu brauchen die Reben eine Kraftquelle. Auch wir können nicht aus uns selbst heraus unser ganzes Leben meistern. Dazu ist viel Kraft nötig. Meine Kraft und Stärke aber kann ich nicht aus einem Haufen Geld schöpfen oder aus einer großen Berühmtheit. Ich brauche eine andere Kraftquelle. Jesus macht uns deshalb ein Angebot: Ich bin der wahre Weinstock, sagt er. Und damit spielt er darauf an, dass diese Pflanze so manchem trotzen kann und dennoch Frucht hervorbringt. Früchte, aus denen kostbarer Wein gewonnen werden kann. Das war im kargen Palästina ein Sinnbild für Leben und Kraft. Und so verspricht uns Jesus: Wer in mir bleibt, der bringt viel Frucht. Er will unsere Kraftquelle in allen Stürmen des Lebens sein und dann brauchen wir uns nicht abstrampeln. Die Früchte stellen sich von ganz alleine ein. Das, was wir uns für unser Leben wünschen, kommt dann ganz von selbst. Es liegt nicht an uns; wir müssen uns nicht dafür über alle Maßen anstrengen. Wir dürfen uns Zeit lassen zum Wachsen, uns in Krisenzeiten auf andere verlassen und immer auf die Kraftquelle bei Gott vertrauen.

Es gibt nur eine entscheidende Frage an uns:

Bleibt ihr? Wollt ihr zum Weinstock, zur Gemeinde, zu Gott gehören?

Diese Frage wird unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden bei der Konfirmation ganz konkret gestellt: Wollt ihr unter Jesus Christus leben, im Glauben an ihn wachsen und in seiner Gemeinde bleiben?

Damit sind die Konfis ein Vorbild für die ganze Gemeinde, denn eigentlich werden wir immer wieder, unser ganzes Leben lang von Gott gefragt: Bleibt ihr?

Und jede und jeder von uns muss und darf selbst seine Antwort auf diese Frage geben.
Amen.

Pfarrerin Alexandra Dreher