Heute soll es friedlich sein.
Unterm Baum im Kerzenschein bitte keinen Streit.
Bitte heute kein Gezeter, wenn schon Ärger, dann diskreter hinter vorgehaltener Hand.
Oder morgen wieder. Nein, überübermorgen. Dann ist‘s Weihnachtsfest vorbei. Für heute stehen alle Diskrepanzen auf Standby. Das ist quasi die Arznei gegen Geschrei. Das Ibuprofen gegen Weihnachtsstreit.
Wenig reden, wenig sagen, und wenn, dann über unverfängliche Themen. Also nicht übers Benehmen der Kinder.
Nicht über Politik und Religion, da ist der Hohn vorprogrammiert.
Auch keine Lektion über gesundes Essen. Achtet auf den Ton, der Lohn ist euch sicher. Ein friedliches Fest.
Am besten viel essen, nicht zu viel trinken, dann wird doch zu viel geredet. Viel singen hilft auch. Wer singt, schimpft nicht.
Bitte heute kein Türenschlagen und Treppen hochstampfen und alle anderen verkrampfen.
Und die Mutter schaut sich stumm ringsum.
Bitte heute keine Tränen. Nicht die Körperform erwähnen, weder dick noch dünn. Einfach nichts sagen über die Figur. Oder nur Positives. Das geht immer.
Heute soll es friedlich sein.
Einmal im Jahr. Einen Tag Frieden. Mit all den verschiedenen Menschen im Raum unterm Baum. Am Tisch mit frischem Kartoffelsalat.
Vielleicht ist heute der Tag mit dem stärksten Friedenswunsch. So viel Punsch kannst du gar nicht trinken. Um den Flunsch zu überwinden und den Streit. Davon gibt’s heute so viel wie sonst nie im Jahr. Vielleicht auch erst morgen.
Wenn sich mehr Menschen treffen, bei denen ich mich geborgen fühlen soll und mir schon vorher so viele Sorgen mache.
Weil ich einmal im Jahr wieder Tochter bin, die gemocht werden will. Am liebsten ein bisschen mehr als die Geschwister.
Weil ich einmal im Jahr große Schwester bin wie früher. Kein bisschen klüger als der Bruder.
Weil einmal im Jahr alles perfekt sein soll. Der Tisch festlich gedeckt, der Sekt kalt, alles nochmal gecheckt ob es auch korrekt liegt wie im Prospekt vom Lidl.
Und dann fehlt ein Kännchen oder das Tännchen steht schief oder Ännchen guckt komisch und die Welt bricht zusammen. Oberflächlich verheilte Schrammen platzen auf und verdammen die Idee, es könnte ein perfektes Weihnachten sein.
Weil einmal im Jahr alle Verletzungen zutage treten, ungebetene Gäste, ausgeschlossen vom Feste, deshalb versauen sie es uns so gern.
Egal, was ich die restlichen Tage im Jahr tue und lasse.
Heiligabend ist wie Waffenstillstand, mit dem Rücken zur Wand steh ich da und nehm mir fest vor. Heute Frieden.
Ich streng mich an, lass mich nicht provozieren, atme aus, atme ein. Nein, schlechte Gedanken kommen heut nicht rein.
Ich atme aus, immer länger, immer lauter, trauter Familienfrieden soll es sein. Ja, schenk mir noch Wein ein, Glühwein geht auch. Aber Frieden ist das noch nicht!
Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens. Das sagt der Engel doch jedes Jahr. Wahr sollte es dadurch werden. Wunderbar.
Stell dir vor, es herrschte seit 2000 Jahren Frieden. Weil der Engel es damals verkündigt hat.
Stell dir vor, alles Gequengel und Gedrängel hätte ein Ende und jeder könnte einfach leben. In Frieden. Nicht nur, weil die Waffen stillstehen, sondern weil es keine Waffen gibt, keine Armeen, kein Flehen von Kindern um Brot und Bildung.
Kein Anstehen beim Amt nach Almosen fürs Leben. Weil Frieden endlich geschieht und man das sieht im Stadtbild und auf der Welt.
Weihnachten schließt Gott Frieden mit der Welt. Schon die Alten haben davon erzählt. Vom echten Frieden.
Der Prophet Hesekiel vor vielen tausend Jahren. Da waren die Israeliten gerade vertrieben im Exil, aufgerieben zwischen den Weltmächten Babylon und Ägypten. Und sehnten sich nach Frieden.
Was gehört zu Frieden, wenn ich meine Heimat verloren habe?
Ganz einfach: Heimat. Ein Ort, den ich nur verlasse, weil ich will, nicht, weil ich muss. Wo meine Omi den Kuss weitergibt, den ihre Omi ihr gab. Ein Ort, der nach Kindheit schmeckt, den ich allzeit besuchen kann, wenn ich will. Ein Ort, wo die Mehrheit für Freiheit einsteht und Dummheit als Frechheit gilt und Gleichheit und Klugheit und Klarheit die Menschheit leiten in aller Eigenheit.
Der Prophet Hesekiel schreibt: Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein.
Frieden hat was mit Wiedergutmachung zu tun. Mit Restauration und Reparation ohne Hohn und Spott und Siegerjustiz. Kurz, Frieden hat was mit Geld zu tun. Mit Geld, das aufbaut, statt zerstört. Mit Geld, das gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt und Demokratie.
Die Funktion? Annexionen beenden, Aggressionen schlichten, mit viel Passion und Aktion das wiederaufbauen, was zerstört wurde. Mit dem Geld der Sieger. Und, wenn das jetzt absurd klingt, kurze geschichtliche Erinnerung: So wurde Westdeutschland wieder aufgebaut. Mit dem Geld der Sieger.
Frieden hat mit Gerechtigkeit zu tun.
Denen gut tun, die alles verloren haben. Weil sie uns leidtun. Weil es uns wohltut, wenn es anderen auch gut geht. Weil wir ja mitleidende Wesen sind.
Frieden ist mehr als ein Waffenstillstand oder eine Waffenruhe, wo die Waffen nur kurz in der Truhe verwahrt sind. Frieden ist auf ewig gedacht, nicht nur bis zur nächsten Schlacht. Frieden ist durchdacht und muss bewacht werden, damit nicht jeder Krach das Kriegsfeuer neu entfacht.
Beim Propheten Hesekiel klingt das wunderbar groß und erhaben.
26Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein.
Kein Geringerer als Gott schließt einen Friedensbund. Mit ihnen und uns. Mit denen, die an den biblischen Gott glauben. Auf den ersten Blick Juden und Christen also.
Und die anderen? Was ist mit denen? Dürfen wir die also quälen und töten und wegklicken, wenn ihnen die Beine wegknicken im Feuerhagel?
Nein, das wäre kein ewiger Frieden. Denn irgendwann werden die Unterdrückten sich erheben und die Welt wird wieder beben und ein neuer Krieg beginnt. So geht es seit Jahrtausenden.
Gottes ewiger Friedensbund ist anders. Er ist ewig, weil er für alle gilt. Für die milden und die wilden, für alle, die gewillt sind, das Bild zu träumen von der Welt, in der Frieden herrscht. Für immer und ewig.
Das wäre ein Bild in den buntesten Farben und nichts liegt mehr im Argen und alle Narben sind verheilt und noch ein ganz bisschen sichtbar. Als Erinnerung an das, was war. Was wir nicht wieder wollen, die verquollenen Augen und die Kinder zwischen Trümmern mit offenen Mündern, in denen der Schrei steckenbleibt.
Das soll nicht mehr sein. Das will Gott nicht.
Gott sagt: 26Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein.
Und in diesem Weltfrieden, da werden Kinder geboren und geborgen aufwachsen. Alle Kinder überall. Da staksen die Teenies umher und alle verstehen, was in ihren Köpfen gerade abgeht. Dass hinter dem finsteren, rauen Blick und den hochgezogenen Brauen ein verletzlicher Mensch steckt, der die Welt verdauen muss mit genauen, sehr schlauen Gedanken.
Oder, vielleicht können im Weltfrieden Teenies einfach zeigen, wer sie sind. Ihre Herzen öffnen, weil die Welt ihnen keine Schmerzen mehr bereitet.
In diesem Weltfrieden können Menschen einander lieben, so verschieden wie wir sind. Und keiner urteilt und teilt die Welt in gute und schlechte Liebe ein.
In diesem Weltfrieden wohnt Gott bei uns. Und alle werden es sehen und spüren. Keiner muss mehr anführen und sich aufführen als King. Alle Türen stehen allen offen, ohne Gebühren und Einlasskontrolle. Klingt doch dolle, oder?
Bei Hesekiel in der Bibel klingt das so:
Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. 27Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, 28damit auch die Völker erfahren, dass ich der Herr bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.
Das ist die große Vision zu Weihnachten: Gott will Frieden für alle, weltweit. Gott will Heimat für alle, weltweit. Gott segnet alle, weltweit.
Und Gott, braucht Menschen dazu. Dich und mich.
Gott braucht Leute, die auf Gott hören, die merken, wenn wer den Frieden wieder stören will. Die einschreiten, wenn sich zwei streiten und sich nicht als dritte heimlich drüber freuen.
So schließen wir Frieden. Im Großen, wenn wir Mächtige vom Thron stoßen mit bloßen Füßen und leeren Händen und an den Stränden im Abendrot tanzen.
So schließen wir Frieden. In unserem Land, wenn der Rand der Meinungen nicht mehr den Ton angibt und die hetzenden Brandherde mit ganz viel Sand aus Nachbarschaftshilfe gelöscht werden.
So schließen wir Frieden im Kleinen. Mit hauchfeinen Blicken und reinen Worten, die gemeinen Taten keinen Raum geben.
So schließen wir Frieden, der von Gott kommt und zu Gott führt.
So werden wir zu Friedensstifter*innen. Das sind die, die nicht nur fromm um Frieden beten, um die eigene Seele zu retten und sich dann warm zu betten. Das sind auch nicht die, die von Frieden reden, als sei es die größte Utopie, die sich nur noch Gutmenschen und andere Spinner leisten könnten. Wann ist eigentlich Gutmensch zum Schimpfwort geworden?
Friedensstifter*innen sind die, mit einer durchdringenden, klingenden, bezwingenden Hoffnung. Mit weltverändernder Weihnachtshoffnung. Dass Weltfrieden dringend nötig ist. Dass Weltfrieden möglich ist. Das vor allem! Dass Weltfrieden bei mir beginnt und bei dir. Zuhause.
Denn: Heute soll es doch friedlich sein.
Unterm Baum im Kerzenschein bitte keinen Streit.
Sondern offene Ohren, offene Herzen, offene Augen. Erzählt einander, was euch bewegt. Überlegt, wie ihr das sagt, bevor ihr euch aufregt und zerlegt und hitzig widerlegt. Das fühlt sich vielleicht kurz nach verbalem Sieg an. Aber nicht nach Frieden.
Wagt die großen Weltfragen. Die Fragen, die Hesekiel hatte und Josef und Maria auch.
In welcher Welt wollen wir leben? Wie, um alles in der Welt geht Frieden?
Wie kommt endlich Frieden in unsere Welt, und zwar so, dass er die Welt im Innersten zusammenhält auf Ewigkeit?
Hesekiels Antwort: Frieden kommt von Gott. Und Gott ist hier bei uns. Hier im Exil, hier auf der Flucht, hier, wo die Gutbetuchten auf uns herunterschauen. Da ist Gott. Schau hin, dann siehst du es. Dann spürst du es. Dann knüpfen wir alle den Friedensbund, und er flattert wie ein buntes Band.
Marias und Josefs Antwort: Frieden kommt von Gott. Gott ist hier bei uns eingezogen. Weinend, schreiend, lachend, pupsend, kichernd. Gott ist klein und hilflos und hat alle Macht über uns. Wir schlafen nur, wenn Jesus schläft, und sorgen uns, wenn Jesus weint. Wenn er lacht, ist es, als ob die Sonne scheint und selbst dem Feind wird’s warm ums Herz.
Wie um alles in der Welt geht Frieden? Vielleicht so.
Per Herzensbeschluss.
Heute soll es friedlich sein.
Einen Tag Frieden. Mit all den verschiedenen Menschen im Raum unterm Baum. Am Tisch mit frischem Kartoffelsalat.
Einen Tag soliden Frieden. Für den ich mich entschieden habe mit Gottes Hilfe. Machst du mit? Werden wir an vielen Friedenstafeln tafeln? Amen.
24.12.2025, Pfarrerin Dr. Tia Pelz

