Es war vor über 2000 Jahren in Bethlehem. Eine Kleinstadt damals wie heute. Umgeben von Olivenhainen. Und von vielen Schafen, die von Kindern gehütet wurden. Wie früher fast überall auf der Welt. Wie im Allgäu die Kühe. Die Hirten bei den Hürden waren Kinder! Das ist so einleuchtend! Nur Kinder hätten den Engeln geglaubt, hätten alles stehen und liegengelassen und wären losgerannt. Nur Kinder hätten keine Ausreden gefunden. Nur Hirtenkinder hätten verstanden, was es heißt, wenn ein Engel sagt: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Denn diese Krippen waren aus Stein gehauene Kuhlen, in die Hirten das erstgeborene, perfekte Opferlamm legten für den Tempel. Ein Priester kam dann, um es zu begutachten und seine Eignung festzustellen. Deshalb wird in der Weihnachtsgeschichte nur hier von einer Krippe geredet. Weil nur Hirtenkinder sofort verstehen, was damit gemeint ist. Dass nämlich der Messias geboren ist. Gottes Opferlamm für die Welt.
Bethlehem, damals wie heute eine besetzte Stadt. Maria und Josef hatten keine große Auswahl an Orten zum Schlafen. Denn Römer hätten sie nicht aufgenommen. Für sie kamen also nur jüdische Herbergen und jüdische Hebammen infrage. Am besten in der Nähe von Josefs großer Familie, die ja auch alle gerade zur Volkszählung in Bethlehem waren. Zum Glück haben sie noch rechtzeitig welche gefunden, die Platz hatten. Nicht im Stall, wie wir es so gern erzählen und den Wirt überspitzt böse darstellen, sondern im unteren Raum im Erdgeschoss, weil wahrscheinlich das Gästezimmer schon belegt war. Und hochschwanger wäre so eine steile Leiter auch nicht so angenehm gewesen. Also schliefen Maria und Josef da, wo auch die Tiere mit im Haus untergebracht waren.
Vom Wirt ist in der Bibel auch nirgends die Rede. Der böse Wirt ist ein antisemitisches Stereotyp, das im Mittelalter fröhlich ausgeschmückt wurde. Genauso wie Ochs und Esel neben der Krippe. Nach dem Motto: Die Juden haben den Messias nicht erkannt, aber Ochs und Esel, diese 2 dummen Tiere, schon. Wobei der Esel ein hochgeachtetes Tier mit freien Tagen war im Judentum. Aber das wusste man im Mittelalter anscheinend nicht.
Wären Maria und Josef heute als palästinensische Christen unterwegs nach Bethlehem, wäre ihre Suche ebenso schwierig. Sie müssten zwischen Nazareth und Bethlehem 15 Checkpoints passieren und könnten da stundenlang aufgehalten werden. Sie müssten sich immer wieder ausweisen. Sie könnten nicht den schnellsten Weg nehmen, sondern nur den, der Palästinensern offensteht. Besonders, falls sie nicht die israelische Staatsbürgerschaft haben. Hochschwangere werden oft gar nicht durchgelassen, sondern zurückgeschickt. Wären sie gar Palästinenser im Gazastreifen, hätten sie keinerlei Zugang zu einem sicheren Ort für die Geburt ihres ersten Kindes.
Jedenfalls ist genau da, in Bethlehem, in einer besetzten Stadt damals wie heute, Gott zur Welt gekommen vor über 2000 Jahren. So, wie Gott es davor immer wieder versprochen hat. Zum Beispiel beim Propheten Sacharja. „Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.“
Wie wird das sein, wenn wir Gott bei uns wohnen lassen?
Wenn wir Gott bei uns wohnen lassen, dann traut man Frauen zu, selbst über ihren Körper zu entscheiden. Ihr Ja ist ein Ja und ihr Nein ist ein Nein. Nicht die Eltern, nicht ihr Verlobter Josef, nicht die Politik haben sich für das Kind entschieden, sondern Maria. Als der Engel ihr verkündete, sie werde ein Kind gebären, da sagte sie dazu: Ja, mir geschehe es! Alle anderen mussten ihre Entscheidung akzeptieren. Sogar Gott!
Dann sind unterschiedliche Familienformen nicht besser oder schlechter als andere, dann zählt nur, dass Menschen füreinander Verantwortung übernehmen. Blut ist nicht immer dicker als Wasser.
Wenn wir Gott bei uns wohnen lassen, dann übernehmen Männer Verantwortung. Das ist vielleicht das größte Weihnachtswunder neben Jesus selbst. Dass Josef dageblieben ist. Gut, er brauchte einen Engelstraum dafür, aber ab da war er für Maria und Jesus da. Was seine Familie vermutlich nicht so gut fand. Vielleicht mussten die beiden auch deshalb in einer Herberge unterkommen statt bei seinen Verwandten?
Wenn wir Gott bei uns wohnen lassen, dann schafft es eine Schwangere trotz langer Reise pünktlich zur Geburt dahin, wo man ihr hilft. Dann bekommen Schwangere die Versorgung, die sie brauchen. Vielleicht nicht die, die sie sich ausgemalt haben, aber doch alles, was es für eine sichere Geburt braucht. Ein Dach überm Kopf, Menschen, die sich kümmern, Wasser und Essen. Was eine Herberge alles so bietet.
Wenn wir Gott bei uns wohnen lassen, dann ist Platz in der kleinsten Hütte und Menschen teilen, was sie haben. Sogar mit denen, die von weiter her kommen. Vielleicht auch gerade mit denen.
Dann lächelt Gott uns aus jedem Neugeborenen an. Ja, aus jedem. Überall auf der Welt. Unter allen Umständen.
Und dann jubelt der Himmel und alles, was darin wohnt. Dann singt und klingt die Natur, zwitschern und tirilieren die Vögel und kein Lärm übertönt die Klänge.
Wenn wir Gott bei uns wohnen lassen, dann merken das zuerst die Armen. Die, die am Rande der Stadt leben und von vielen gemieden werden. Weil sie einfach gekleidet sind und nach Arbeit und Schweiß riechen. Die merken es. Weil ihnen plötzlich weniger fehlt und wärmer ums Herz ist und sie spüren, wie wertvoll und wunderbar sie sind.
Wenn wir Gott bei uns wohnen lassen, dann ist es sicher für Kinder, nachts allein durch die Straßen zu rennen. Hirtenkinder, die so viel zu hüten haben. An vielen Orten Tiere. Bei uns oft ihre kleinen Geschwister oder die Eltern, die nicht so gut Deutsch können. Kinder, die hart arbeiten neben Schule und einfach Kindsein. Und die wissen, worauf es ankommt, wie man durchs Leben kommt.
Wenn wir Gott bei uns wohnen lassen, dann glauben Erwachsene Kindern und Jugendlichen. Dann sind kleine stinkende Hirtenkinder am Bett eines Neugeborenen keine Ruhestörung, die verscheucht und angeschrien werden, sondern willkommene Gäste. Dann schreien Erwachsene keine Kinder und Jugendlichen an, sondern hören ihnen zu und nehmen sie ernst.
Wenn wir Gott bei uns wohnen lassen, dann versuchen die Mächtigen, Gott zu töten. Babys und Kleinkinder werden zuerst sterben. Auch ihre Mütter, die sich schützend über sie werfen und die großen Geschwister, die Essen besorgen wollen und die Väter sowieso. Weil Männer die meiste Angst vor anderen Männern haben und deshalb einander umbringen.
Wenn wir Gott bei uns wohnen lassen, dann muss Gott vor solchen Mächtigen fliehen. Und Gott wird in der Fremde neue Heimat finden und von Menschen Hilfe erhalten, die einen anderen Glauben haben und eine andere Sprache sprechen.
Wenn wir Gott bei uns wohnen lassen, dann ist die Luft so rein und die Stadt so dunkel, dass wir die Sternenbilder sehen können. Und dann schauen wir hoch und lassen uns in die Ewigkeit fallen, von der die Sterne erzählen. Und in die Verheißung, dass Gott sie alle kennt und alle gezählt hat und dich und mich auch. Manche werden sich von Sternen den Weg leiten lassen, dahin, wo sie ein Wunder finden.
Wenn wir Gott bei uns wohnen lassen, dann teilen die Reichen. Sie bringen Geld und Düfte, bewundern das Wunder des Lebens. Und dann gehen sie wieder. Ohne Ansprüche zu stellen. Ohne Bedingungen an ihre Gaben zu knüpfen. Sie teilen, weil es richtig ist. Und fragen nicht weiter nach, was damit passiert. Die Gaben sind keine Spendenaktion. Wir teilen um des Teilens willen.
Wenn wir Gott bei uns wohnen lassen, dann wird es still in der Welt. Und jedes Ächzen und Stöhnen wird hörbar. Jeder Schrei und jedes Weinen, jede Klage und jeder Seufzer klingt durch die ganze Welt, trifft jedes Ohr. Jeder Jubel und jeder Juchzer auch. Und wir teilen Freud und Leid miteinander und tragen einander durchs Menschsein.
Und dann, ja dann hört meine Angst vor der Zukunft auf. Weil ich mich nicht mehr fürchten muss. Weil ja Gott da ist. Und das alles verändert. Wenn ich Gott nur bei mir wohnen lasse! Amen.

