Liebe Jubelnde Konfirmandinnen und Konfirmanden, oder eigentlich richtiger, liebe Konfirmierte.

Liebe alle, die irgendwann mal konfirmiert wurden. Ob sie nun heute offiziell darüber jubeln oder nicht.

Irgendwann einmal knieten Sie hier oder in einer anderen Kirche. In schicken Kleidern, im ersten Anzug, mit unbequemen, aber sehr schönen Schuhen. Ein Pfarrer sprach ihnen den Segen zu. Denn Frauen gab es da gerade erst seit 2 Monaten im ordinierten Amt in Bayern. Eine unter uns war unter diesen Pionierinnen.

Und, ihnen klopfte wahrscheinlich das Herz bis in den Hals. Beim Einzug in die Kirche unter den Blicken der Verwandten und Nachbarn. Beim Gang zum Altar. Beim Ja zum Leben im Glauben und in der Kirche.

Da hat sich nichts geändert. Letzte Woche haben wir hier 13 junge Menschen konfirmiert. Der berührendste Augenblick ist immer die Einzelsegnung. Der Blick der Jugendlichen, wenn wir sie segnen. Darin liegt ihr Herz. Offen und verletzlich und so wunderschön.

Um dieses Herz geht es heute. Mal nicht unter medizinischen Gesichtspunkten. Wobei viele vermutlich inzwischen eine erstaunlich enge Beziehung zu Blutdruckwerten, Tablettenboxen und Wartezimmern entwickelt haben. Und man bei manchen Arztbesuchen ja froh ist, wenn überhaupt noch irgendetwas ordentlich pumpt.

Heute geht es um Herzgeschichten.

Wir nehmen uns etwas zu Herzen. Und dann ist das Herz plötzlich bleischwer und zieht meine Laune und meine Energie in den Keller hinab.

Wir haben etwas auf dem Herzen. Ein echtes Anliegen, etwas, wofür ich brenne und andere begeistern möchte. Oder eine Wahrheit, die schon lange in mir ruht und jetzt will ich sie endlich erzählen, bevor es vielleicht zu spät ist.

Wir schütten jemandem unser Herz aus. Einer, die mir zuhört, ohne mich gleich zu beurteilen oder zu verurteilen. Einer, dem ich vertraue, dass er mit meinem Herzen gut umgeht, vorsichtig, liebevoll, es wertschätzt und aushält.

Menschen werden auf Herz und Nieren geprüft. Manchmal werden wir geprüft. Manchmal sind wir es, die andere prüfen. Sie mit den Augen von oben bis unten mustern und dann Fragen stellen, die uns irgendwie den echten Menschen zeigen sollen. Oder den, den wir vermuten oder gar befürchten. Und zur oft werden wir in unserer Ersteinschätzung bestätigt. Nicht zwingend, weil sie so präzise war, sondern weil sie sich so festgesetzt hat in meinem Herzen. Das dauert dann manchmal Jahre, bis ich merke: Oh, die andere Person ist ganz anders, viel liebenswürdiger und eigentlich ganz wunderbar. Oft merke ich das auch nie. Weil ich mir meines Urteils zu sicher bin.

Und manche machen aus ihrem Herzen eine solche Mördergrube, dass man sich fragt, ob da überhaupt noch Luft reinkommt. Das sind natürlich immer die anderen, klar.

In der Bibel ist das Herz der Ort des ganzen Menschen: Mut und Angst, Liebe und Trotz, Vertrauen und Zweifel sitzen dort.

Und genau dort greift Gott im Buch Jeremia ein. Im 31. Kapitel schreibt er:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; 33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. 34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern belehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Jeremia beschreibt eine Art Herzoperation Gottes. Der alte Bund ist zerbrochen. Menschen haben sich von Gott entfernt, haben einander verletzt, haben Macht missbraucht und die Schwachen vergessen. Gott reagiert darauf erstaunlicherweise nicht so, wie wir Menschen es meist tun, mit Rückzug oder Strafe. Gott reagiert mit größerer Nähe. Er sagt: „Ich will meine Weisung in ihr Herz geben.“ Das mit den schriftlichen Anweisungen scheint ja nicht funktioniert zu haben. Die Worte wurden vergessen und ignoriert.

Gottes Weisung wird deshalb nicht nochmal auf neue Steintafeln geschrieben und auch nicht einfach noch einmal erklärt wie eine schlecht verstandene Bedienungsanleitung. Gott geht tiefer. Mitten hinein ins Herz des Menschen. Gott verändert den Ort, an dem wir Menschen fühlen, spüren, leben und sind. Gott verändert uns.

Und wie bei jeder Herzoperation gilt: Die Patientinnen und Patienten liegen nicht daneben und geben Ratschläge.

Niemand sagt im OP: „Herr Doktor, könnten wir die Sache mit dem Gewissen etwas lockerer einstellen?“
Oder: „Die Nächstenliebe nehme ich, aber bei der Geduld hätte ich gern ein Update mit weniger Anforderungen.“

Jeremia beschreibt einen Gott, der mein Herz berührt mit Gottes Gesetz. Ein Gesetz, das Liebe zum Ziel hat und deshalb Liebe ist. Ein Gesetz, das in kurz heißt: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. So hat es Jesus mal zusammengefasst. Gottes Herzgeschichte ist eine Liebesgeschichte.

Die älteren Jahrgänge hier wurden noch konfirmiert in einer Kirche, in der man nicht so viel von Liebe sprach und mehr vom Gesetz. Eine Kirche, in der Fragen nicht erwünscht waren. Der Pfarrer sprach, die Gemeinde hörte zu. Fertig. Viele von Ihnen konnten den Katechismus vermutlich besser auswendig als ich.

Nach Krieg und Zusammenbruch 1945 gab diese Ordnung verständlicherweise Halt. Jedenfalls jenen, die ihren Glauben nicht im Schützengraben und unter Trümmern verloren hatten.

Dann kamen die Jahre des Aufbruchs. Fernsehen, Reisen, neue Musik, neue Freiheiten. In den Kirchen tauchten plötzlich Gitarren auf und bunte Tücher. Menschen diskutierten über Frieden, Gerechtigkeit und Verantwortung. Gottesdienste wurden lockerer. Manchmal schöner. Manchmal chaotischer. Es gab im Konfiunterricht Diskussionen statt nur Auswendiglernen. Pfarrer ohne Talar auf Jugendfreizeiten.
Alte Gewissheiten wurden hinterfragt. Jugendkeller ausgebaut. Sie waren damals viele Konfis, viele in der Jugend. In manchen Berufen sagte man ihnen auch, sie seien zu viele. Denn die Kriegskinder hatten viele Kinder bekommen, die Boomergeneration.

Dazwischen die 68er-Generation. Die, die den Muff rausfegen wollte und unbequeme Fragen stellte nach Schuld und Sühne und danach, wie echter Neuanfang möglich ist. Das war anstrengend für die Kriegskinder unter Ihnen. Die doch vor allem froh waren, dass endlich wieder Stabilität herrschte nach den langen Jahren des Wiederaufbaus. Nachdem so viel zerbrochen war. Häuser, Propaganda, politische Irrwege waren zerbrochen. Und zwar die von vielen ihrer Eltern und Großeltern. Die nach 1945 kaum noch darüber sprachen.

Gerade deshalb ist dieser Text aus Jeremia so tröstlich. Gottes Bund hängt nicht daran, dass Menschen alles richtig machen. Nicht einmal daran, dass wir ein bisschen richtig machen. Gott hält an seinen Menschen fest. Gottes Treue wird nicht ausgetauscht wie ein alter Vertrag. Sie bleibt bestehen. Selbst, wenn sich ein ganzes Volk verirrt und Unheil über die Welt bringt. Gott zieht sich deshalb nicht zurück. Gott rückt näher. Das hat das biblische Volk Israel erlebt. Das haben wir in Deutschland erlebt. Denn es grenzt an ein Wunder, dass die Siegermächte uns nach 1945 nicht einfach dem Elend überließen. Es wäre verständlich gewesen.

Stattdessen haben wir als Länder in Ost und West Neuanfänge erlebt. Manche von ihnen ganz persönlich, als der Vater aus der Kriegsgefangenschaft heimkam oder ein neues Zuhause gefunden wurde. Ihre Pfarrer waren z.T. welche, die überzeugte Nazis gewesen waren und nun vor den Trümmern ihrer theologischen Irrlehre standen. Und dann war das Kirchenrat Schmidt, der als Bekennender Christ verfolgt wurde, ins Ausland floh und nach 1945 zurück nach Bayern kam. Nicht etwa als gefeierter, standhafter Glaubensheld, sondern als einer, der mit Argwohn betrachtet wurde, weil er den Krieg in Nürnberg nicht miterlebt hatte. Dazu Pfarrer Söllner, seit 1951 in der frisch eingeweihten Gnadenkirche. Inmitten des größten Vertriebenenlagers in der Bundesrepublik. Als manche von Ihnen vor 75 Jahren konfirmiert wurden.

Gott ist treu. Das gilt auch für den Glauben. Der Glaube mit 14 klingt anders als der Glaube mit 64, 74 oder 89. Damals lag das Leben als Verheißung vor Ihnen. Heute blicken Sie auf Jahrzehnte zurück: auf Menschen, die fehlen; auf Wege, die gelungen sind; auf Enttäuschungen; auf Glück; auf schwere Stunden am Krankenbett und Dankbarkeit über bewahrte Tage.

Dabei verändert sich der Glaube. Manchmal wird er zwischendurch dünn wie Pergamentpapier, fast durchscheinend. Manchmal geht er verloren und findet sich dann zwischen Erinnerungen wieder an. Manchmal trägt er selbst in den unmöglichsten Situationen.

Jeremia beschreibt einen Gott, der Menschen nicht aufgibt. Einen Gott, der sich sogar an widerspenstige, verletzliche, müde Herzen wagt und sie festhält. So sehr, dass „Klein und Groß“ Gott erkennen werden. In der Reihenfolge. Erst die Kleinen, dann die Großen. Und dann muss niemand mehr den anderen belehren darüber, wie Gott nun richtig zu erkennen ist, welches Gottesbild nun wahrer ist als ein anderes. Dann glauben wir einander unseren Glauben. Und fragen einander nach unseren gelebten Erfahrungen mit Gott. Teilen unsere Herzensgeschichten. Unterschiede zwischen Generationen sind dann nur noch das: Unterschiede. Keine Konflikte. Weil wir uns unsere Herztüren öffnen und zeigen, was uns ausmacht.

Bei der Konfirmation haben wir versprochen, an unserem Glauben festzuhalten.

Aber mein Glaube lebt zum Glück nicht nur davon, dass ich Gott festhalte. Sondern vor allem davon, dass Gott mich festhält. Sonst wäre es sehr riskant mit dem Glauben.

Gott hält mich gerade dann: Wenn ich nicht stark bin. Wenn mein Herz schmerzt oder bricht. Wenn mich ein anderer auf Herz und Nieren prüft und ich spüre, dass ich nicht standhalte. Wenn ich eine brauche, der ich mein Herz ausschütten kann. Dann fängt Gott alles auf und hält es aus. Dann hält Gott es zusammen, näht einen Flicken drauf oder pustet sanft über die Wunde. Dann wiegt Gott dein Herz, bis es nicht mehr rast.
Denn Gott ist deine Seelenärztin und dein Herzensheiler.

Und damit ist Gott nicht fertig. Solange dein Herz schlägt, solange hütet Gott es wie seinen wertvollsten Schatz. Denn das ist es. Amen.

 

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