Liebe Gemeinde!
Letztes Wochenende war ich in Wittenberg. Lutherstadt Wittenberg. Es luthert und melanchthont wirklich wo man geht und steht. Es war eine Dienstreise mit Urlaubsfeeling. Dekanatsausschuss-Klassenfahrt für die gestärkte Gemeinschaft und ein bisschen Blick über den Tellerrand.
Apropos Teller, das Essen war gut. Jedenfalls gab es für alle Abendessen und Frühstück im Hotel, sehr nobel. Sehr viel nobler, als ich es mir je gönnen würde. Wenn wir als Familie essen gehen, zahlt immer mein Mann mit unsrem gemeinsamen Geld, klar. Aber ich will einfach den Preis nicht wissen, weil er mir noch im Nachhinein den Appetit verdirbt. Ich hab gar kein Problem damit, Geld fürs Restaurant auszugeben. Ich will nur nicht darüber nachdenken und es zu genau wissen. Weil, dann fang ich an zu rechnen, wie teuer das zuhause gewesen wäre…
Sie merken: Ich kann mir sehr schwer selbst was gönnen. Selbst, wenn es total logisch wäre und irgendwie auch notwendig, weil der Mensch ja z.B. was essen muss.
In Wittenberg war die letzte gemeinsame Mahlzeit das Frühstück am Samstagmorgen. Abfahrt gen Nürnberg war 16.11 Uhr, Ankunft gegen 20.00, weil deutsche Bahn und Verspätung und so. Was tun also? Irgendwas zu Mittag essen. Ne Kleinigkeit oder was Warmes.
Naja, was soll ich sagen. Ich war zu langsam, musste noch um drei Ecken gucken und fotografieren und schwups, hatte ich meine Gruppe verloren. Denn in der Gruppe geht das mit dem Luxus besser für mich. Nun stand ich allein im sonnigen Wittenberg und ging in den Autopiloten. Noch 3,5h Zeit in dieser Stadt, die müssen maximal ausgenutzt werden.
Erstmal Stadtkirche besuchen, Cranachs Werke bewundern. So viele Epitaphien und Altarbilder, die wir im Studium analysiert hatten. Es fühlte sich an, wie alte Bekannte besuchen. Ich stand da und staunte. Besah mir jedes Detail. Am liebsten hätte ich die Bilder gestreichelt und in den Arm genommen.
Dann knurrte der Magen ein bisschen. Andererseits, wann komm ich mal wieder her? Also noch schnell in die Druckwerkstatt aus Cranachs Zeiten nach dem Vorbild von Gutenbergs Presse.
Ein Mann steht da in Schürze. Und erzählt mir davon, wie sehr er sein Leben genießt. In einem kleinen Raum voller Bleibuchstaben und Druckerschwärze, von der Decke hängen überall Drucke, Karten, Linolschnitte. Das meiste hat er mit Kindern und Jugendlichen angefertigt, manches zum Verkauf für Touris wie mich. Nach und nach breitet sich seine Lebensgeschichte vor mir aus.
Ein Christ aus der DDR, zur Wende ca. 30 Jahre alt mit Frau und Kindern. Gelernter Drucker. 1990 arbeitslos. Plötzlich werden die Zeitungen maschinell gedruckt, Setzer braucht man nicht mehr. Aber diese Druckerei, die alte mit der Gutenbergpresse, die könnte doch mal wieder jemand auf Vordermann bringen. Jetzt, wo es in Wittenberg plötzlich nicht mehr nur um Luther und Melanchthon geht, sondern Lucas Cranach stolz wiederentdeckt wird.
Er war ja nie weg, aber man war halt nicht stolz auf ihn, den alten Kapitalisten, den reichsten Bürger der Stadt im 16. Jahrhundert. Er hat das Schablonenmalen erfunden im großen Stil, hat mit vielen Schülern Bilder im Akkord angefertigt. Ein echter Geschäftsmann, der Luthers Verteilschriften drucken ließ und ordentlich Geld machte damit. Und, weil die Leute sich fragten, wer dieser Luther sei, druckte er sein Bild auf die Büchlein drauf.
Also wird der gelernte Drucker 1991 von der Stadt angestellt. Als ABM-Maßnahme, wissen Sie noch? 1 Mark pro Stunde… Arbeit, damit die Leute nicht auf doofe Gedanken kommen. 10 Jahre lang arbeitete er so, dann machte er sich selbständig und übernahm die kleine Druckerei. Seit ein paar Jahren ist er im Rentenalter, aber es macht ihm so viel Freude. Über 3000 Kinder und Jugendliche besuchen jährlich seine Workshops. Er brennt dafür und genießt sein Leben in vollen Zügen. Weil er bei so vielen Menschen erlebt, wie sie die Zeit bei ihm genießen und sich an den Ergebnissen erfreuen. Weil er das Lernen für andere genießbarer macht. Ein echter Genussmensch.
Dann kommt die nächste Gruppe, ich verabschiede mich und setz mich kurz raus in den sonnigen Garten. In den Räumen nebenan wird das Buffet aufgebaut, heute ist Jugendweihe in Wittenberg und überall laufen Jugendliche rum, die aussehen wie Konfis.
Bei ihrer Feier hat der Oberbürgermeister eine Rede gehalten. Die Vereine, die die Jugendweihen organisieren, haben ihn darum gebeten. Er macht das gern. Er ist Christ. Einer von etwa 20% in Wittenberg. Als Erwachsener ließ er sich taufen nach einem Glaubenskurs beim berühmten Leipziger Pfarrer Christian Führer. Das war kurz nach der friedlichen Revolution, da studierte er noch Jura. Seit über einem Jahrzehnt ist er parteiloser Oberbürgermeister in Wittenberg. Er setzt auf Verlässlichkeit und Beziehung. Und er widerspricht sofort, wenn Lügen verbreitet werden. Im Stadtrat mit fast 30% AfD hat er da gut zu tun. Nebenbei ist er noch Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Düsseldorf 2027.
Herr Zugehör ist einer, der genießt. Wenn er Menschen für Demokratie und Zusammenhalt begeistern kann, wenn er sich mit anderen wappnet für eine etwaige AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt. Wenn er voller Freude und Elan von seiner Stadt und seinen Menschen erzählt, dann ist da einer, der das Leben in vollen Zügen genießt. Weil er es für andere genießbarer macht. Ein echter Genussmensch.
Das Evangelium vom Weinstock Jesus erzählt etwas von dieser Art von Lebensgenuss. Jesus, der Weinstock, wir die Reben. Wenn ich das lese, rieche ich Weintrauben im Herbst, wie sie süß und prall hängen und im Mund aufplatzen. Ich schmecke einen guten Rotwein, gern Rioja, auch mal Portwein. Ich spüre Urlaubsstimmung oder Feierabend oder Päuschen am Nachmittag bei Kaffee und Trauben. Weintrauben schmecken nach Erholung und Genuss.
Das, sagt Jesus, sind wir. Oder können wir sein. Früchte, die anderen gut schmecken, die anderen eine Freude bereiten. Früchte, die andere ihr Leben genießen lassen. Wie wir das anstellen? Indem wir uns an Jesus hängen. Indem wir uns am ihm festhalten mit aller Kraft und tun, was er tut und sagen, was er sagt. Mehr ist es nicht. Jesus sagt:
3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht tragen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Das ist ein Versprechen. Wer sich an Jesus festhält, an seinen Worten und Taten, die wird eine Frucht sein, die anderen gut tut und Gutes tut. Weil es dann das Natürlichste auf der Welt ist. Weil sie gar nicht anders kann.
Dann heißt Genuss: einer Freundin beim Umzug helfen oder gemeinsam Tränen sammeln mit der anderen Freundin, weil gerade alles so schwer ist. Dann heißt Genuss, sich stark für die Schwachen machen. Für Alleinerziehende, denen der Unterhaltsvorschuss gekürzt werden soll oder für eine echte Inklusion. Dann genieße ich die Sonnenstrahlen beim Seelsorgegespräch auf der Bank vor der Kirche. Helfersyndrom wird sowas gern abwertend genannt. Gutmenschen schimpfen uns die Bösmenschen, oder wie nennen die sich dann bitte selbst? Heute höre ich das Gleichnis vom Weinstock und denke: Vielleicht ist das die Jesusart von Genuss. Ungenießbare Menschen gibt’s ja schon genügend, da muss ich nicht auch noch eine davon sein.
Wer das nicht tut. Wer für andre ungenießbar ist. Wer nicht wie Jesus für Gerechtigkeit und Frieden eintritt, wem es nicht um Inklusion geht aller derer, die von der Gesellschaft ausgeschlossen oder an den Rand gedrängt werden, die werden verdorren.
Jesus sagt das so:
6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.
Das heißt, es gibt Reben am Weinstock Jesu, die werden weggeworfen, weil sie niemandem schmecken. Weil sie auf der Zunge faulig schmecken oder bitter oder so sauer, dass man sie ausspucken muss. Reben, die anderen das Leben zur Hölle machen, die werden verbrannt. Nicht von anderen Reben wohlgemerkt, das geht im Bild nicht. Sondern vom Weingärtner, von Gott selbst.
Da ist es dann auch egal, ob sich diese Menschen selbst als Christ*innen bezeichnen oder im Oval Office die Bibel von vorn bis hinten durchlesen oder vor jedem Bombenabwurf beten.
Christ sein ist das eine. Als Christ leben, und zwar so, dass es für die Menschen um uns herum genießbar ist, ist was anderes. Jesus sagt:
8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.
9 Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!
Das heißt doch nichts anderes als: Lebe so, dass du genießbar bleibst für dich und andere. Lebe so, dass andere auch ihr Leben genießen können.
Heute ist der 26. April – Sonntag Jubilate. Ein Datum, das viele von uns bis heute mit Tschernobyl verbinden.
Vor 40 Jahren wurde uns drastisch gezeigt, wie weit menschliche Fehler strahlen können. Und wie gefährlich es ist, das dann geheim halten zu wollen. Überall in Europa wurden Lebensmittel ungenießbar.
Jubilate heißt heute auch: aus Fehlern lernen. Verantwortung übernehmen. Technik nicht blind vertrauen. Menschen schützen, bevor wirtschaftliche Interessen geschützt werden. Wachsam bleiben, wenn Bequemlichkeit größer wird als Vernunft.
Denn, wer Verantwortung übernimmt, gibt Zukunft eine Chance. Und wer trotz allem hofft, hat vielleicht den besten Grund zum Jubeln. Gerade heute. Dass Jubilate diesmal auf den 26. April fällt, ist Zufall. Dass wir daraus etwas lernen können, nicht.
Das ist ja das großartige an Menschen. Wir können aus ungenießbaren Griesgramen und Miesepetern zu genießbaren Nachbarinnen und Freundinnen werden.
Nach der Druckerei blieben mir übrigens noch 1,5h bis zur Zugabfahrt. Langsam hatte ich echt Hunger. Eine einfache Bäckerei war nicht in Sicht. Dafür ein kleiner Fensterladen mit Softeis. Das große für 3€ in drei Sorten, wie in meiner Kindheit. Schoko-Vanille mit Mangosauße. Dazu ein kleiner Kaffee to go, purer Luxus, ich geb es zu. Und dann setzte ich mich zu Füßen Melanchthons und aß und trank und las Luthers Erfurter Predigten, weil ich die in einem Verschenkregal gefunden hatte. Und ich genoss mein Leben. Weil ich mir nämlich Softeis nicht zuhause machen kann. Das muss ich mir kaufen, hilft nichts. Und unterzuckert wäre ich auf der Zugfahrt auch absolut ungenießbar gewesen für die anderen. Amen.

