So viel Gewalt in so wenigen Sätzen.
Da ist verbale Gewalt. Jesus wird verspottet. Alle machen sich über ihn lustig. Diejenigen, die nichts mit seinem Tod zu tun haben und nur zuschauen. Die Hohepriester und Schriftgelehrten, die Jesus vors römische Gericht gebracht haben. Und sogar die zwei Männer, denen es keinen Deut besser geht. Statt sich mit Jesus im zeitgleichen Leiden und Sterben zu solidarisieren, schmähen auch sie ihn. Sie sterben zwar mit ihm am Kreuz, aber heben sich noch von ihm ab und verbünden sich mit denen, die sie ans Kreuz genagelt haben.
Es ist eine verdrehte, nur allzu bekannte Logik: Wenn es mir schlecht geht, prangere ich nicht die Mächtigen und Reichen dieser Welt an. Denn von denen bin ich ja abhängig und will gemocht werden. Die will ich nicht noch mehr verärgern. Also wird nach unten getreten und nach oben gebuckelt. Selbst am Kreuz kurz vorm Tod.
Über Jesus steht der Satz: „König der Juden“. Als ein politischer Anführer wird Jesus verurteilt. Einer, der die Machtfrage stellt und deshalb ironisch „König“ genannt wird. Ein Affront gegen Jesus und gegen die jüdische Elite, die Jesus ja der Gotteslästerung angeklagt hat. Wenn das Spiel der Gewaltspirale einmal losgegangen ist, sind alle betroffen. Selbst die, die die Spirale in Gang gesetzt haben.
Da ist körperliche Gewalt. Jesus wird an und ausgezogen wie eine Anziehpuppe. Ein unbeteiligter Mann, Simon von Kyrene, wird mit in die ganze Sache hineingezogen. Er kommt gerade von der Feldarbeit, ist Vater zweier Söhne. Hat nichts mit Jesus zu tun. Nun muss er das schwere Kreuz tragen. In einer gewaltbereiten Gesellschaft gibt es kein Entrinnen, kein unbeteiligtes Zuschauen. Jeder kann zu jeder Zeit mitmachen müssen.
Dann werden 3 Männer gekreuzigt. Jesus und die beiden Räuber. Sie wurden zum Tode verurteilt, ganz legal im römischen Reich. Tod durch Kreuzigung hieß: Es waren drei nicht-römische Staatsbürger. Also Bürger 2. Klasse. Menschen, die unter römischer Besatzungsmacht lebten. Römische Bürger durften bis zur Bürgerrechtsreform im Jahr 212 nicht gekreuzigt werden.
Es ist eine Unterscheidung, die auf ähnliche Weise gerade wieder legitimiert wurde durch die Knesset in Israel. Die Todesstrafe gilt dort nun wieder, binnen 90 Tagen durch Erhängen. Und zwar nur für Menschen, die Israel zu Terroristen erklärt. Faktisch wird es ausschließlich Palästinenser treffen. Menschen, die unter einer Besatzungsmacht leben als Bürger 2. Klasse. Welche Schuld man über ihre Köpfe dann schreibt? Ob Räuber, Aufrührer oder Mörder. Ob sie sich verteidigen oder nicht, das wird keine Rolle spielen. Denn ein Recht auf Einspruch wird ihnen vom Militärgericht nicht gewährt.
Da ist psychische Gewalt. Jesu Kleider werden geteilt unter seinen Augen. Seine Macht wird infrage gestellt. „Hilf dir doch selbst“ rufen sie ihm zu. Beweis uns doch, wer du bist. Aber Jesus spielt das Machtspiel nicht mehr mit. Er beweist niemandem mehr irgendwas. Die Hohepriester proklamieren sogar: „Er hat andern geholfen.“ Warum ist es nicht genug, anderen zu helfen? Warum muss einer erst sich selbst helfen, um anerkannt zu sein?
So viel Gewalt in so wenigen Sätzen. Denn, wenn die Gewalt regiert, bleibt niemand von Gewalt verschont.
Keiner von uns kann sich der Gewalt entziehen. Solange es Todesstrafen gibt. Solange wir die verspotten und verschmähen, die leiden. Solange wir Gewalt mit Gewalt beantworten. Statt zu stoppen, zu weinen, zu trösten, zu heilen. Und so die Gewaltspirale endlich zu durchbrechen.
Jesus sollte das letzte Menschenopfer sein. So war es gedacht. So muss es endlich werden.

