Jesus, ich muss dir was sagen. Du hast vom Reich Gottes erzählt. Inklusiv, divers, offen für alle.
Du warst Feminist, da gab es das Wort noch nicht. Nur Frauenhass, den gab es schon. Und Männermacht.
Du warst ein Mann, der wusste, was Männer Männern antun. Alles für Macht und Ruhm im Namen von Brauchtum und Tradition. Fraktionen bilden sich zur Verteidigung vom Patriarchat, sie arbeiten mit Fiktionen von Frauen.
Da sind wir Frauen entweder Objekt der Begierde, Zierde des Hauses für den Applaus der Geschäftspartner, trophy wife.
Draußen gibt’s dann 2 Gruppen von Männern. Gerhard, Christian und Thomas, die uns hinterher rennen, uns komisch nennen und uns zu sich pfeifen wie Hunde.
Im Grunde total lieb gemeint. Stell dich nicht so an, Süße.
Und dann gibt’s noch Mohamed, Ali und Cem. Die machen das gleiche, aber im Vergleich geht das natürlich gar nicht.
Nur weiße Männer dürfen weiße Frauen in Deutschland belästigen. Dafür befestigen wir Heime und Mauern, bedauern die Lage allgemein und kriminalisieren gleich alle Mohameds. Ist leichter.
Nein, gegen Mohamed müssen Töchter und Frauen geschützt werden und gleich noch für schärfere Abschieberegelungen benützt werden, darauf stützt sich ja unsere Freiheit.
Wie bitte? Du fragst: Was ist, wenn die Frau arm ist? Ja, dann ist sie einfach Objekt der Ausbeutung. Kennst du ja aus deiner Zeit.
Ach Jesus, ich schweife ab.
Du hast Frauen vertraut mit der Auferstehung.
Du wusstest einfach, wie schwach die Jungs werden, wenn du ihren Wunsch nach Macht bedienst. Also erschienst du den schlauen Frauen, die würden das nicht versauen, wusstest du.
Naja, was soll ich sagen. 2000 Jahre lang haben die Dudes ihre Wut darüber manifestiert. Haben gegen Frauen agitiert, ihr Andenken beschmiert, in ihrer blasierten Art Mädchen blamiert und bornierte Regeln kultiviert, bis selbst Frauen diese akzeptierten als Tradition und, jetzt kommt das Schlimmste, Jesus!
Als Gottes Wort und deinen Willen. Damit drillen sie Mädchen mit schrillen Sätzen wie: „Seid stille in der Gemeinde.“
Seit 100 Jahren regt sich Widerstand. Seit 50 Jahren haben wir die Ordination in der Hand als Frauen in Bayern. Immerhin.
Heute klingt der Widerstand gegen Frauen so: „Frauen wollen ja nicht.“ Oder positiv formuliert: „Frauen sind zu klug dafür, sich das anzutun mit zu viel Verantwortung. An der Basis machen sie auch tolle Arbeit! Allzeit bereit zum Streit schlichten und Tische richten und Bauklötze schichten bei der kunterbunten Kirche.
Uns Frauen liege eben mehr die Begleitung von Kindern und Familien, und die Verbreitung und Erstellung vom Gemeindebrief.
Deshalb seien wir nicht so oft anzutreffen in der Leitung von Gemeinden, Diensten und Dekanaten. Vom Oberkirchenrat grad zu schweigen. Das wollen die Männer lieber weiter allein vergeigen.
Jesus, ganz ehrlich, es ist mir schleierhaft, wie Kirche das geschafft hat, deinen Blick auf Frauen so zu verschleiern. Vielleicht ist es das Gefühl der Zurücksetzung?
Weil du Frauen öfter gelobt hast als Männer in den Evangelien.
Weil du dich besonders intensiv mit Frauen unterhalten hast. Ziemlich exklusiv damals als Rabbi.
So persönlich und versöhnlich, so theologisch, pädagogisch, christologisch, anthropologisch tief.
Dabei waren Frauen damals zuständig für Familie und Haushalt, das galt als anständig.
Eigentlich wie heute. Tradwives und so.
Theologische Gespräche? Auch noch öffentlich? Unerhört! Das stört die göttliche Ordnung.
Vielleicht halten die Männer so bedacht fest an ihrer kirchlichen Macht, weil sie immer noch beschämt sind. Weil du ihnen nicht vertraut hast.
Ohne Therapie führt Scham nämlich zu Gram. Und Therapie ist Medizin ohne Chemie, quasi Psychomagie, an die glauben viele Männer bis heute nicht.
Vielleicht wollen die Männer dir immer noch beweisen, dass sie deiner würdig sind.
Baulich mit Kathedralen, amtlich mit Titeln, Kitteln, Mitteln zur Unterdrückung, respektive Hochehrung der Frauen. Im Bereich Familien, Kinder und Jugend. Wo unsere Tugend gilt.
Jesus, ich habe einen ungeheuerlichen Verdacht.
Patriarchat in der Kirche ist die Macht der Vergeltung, eine Schelte fürs eigene Versagen.
Weil du Frauen als erste Zeuginnen der Auferstehung berufen hast.
Mensch, Jesus, das hättest du doch ahnen müssen, besser planen müssen oder wenigstens länger anbahnen.
So ein Kulturwandel, der braucht doch Zeit. Du hast so viele Frauen befreit, mit ihnen gescheit diskutiert, ihr Leid gesehen und sie geheilt. Du warst es leid, ihren täglichen Fight um Anerkennung zu sehen. Du alter Feminist.
Aber inwieweit war dir prophezeit, dass wir Jahrtausende darunter leiden würden.
Nicht dir nehmen die Männer deine Zurücksetzung übel.
Sondern uns Frauen. Deshalb klauen sie uns Rechte, versauen Umwelt und Frieden, schauen dabei freundlich und sagen: Wir tun das doch für euch!
Zu lange haben wir uns das bieten lassen. Haben uns darauf verlassen, dass du bald wiederkommst und die Sache wieder einrenkst.
Wir freuen uns auf dich. Bis dahin arbeiten wir vor.
Um zu sein wie du, tragen wir Pink. Klinken uns in Teams-Sitzungen, besprechen Strategien, bekämpfen männliche Amnesien und gestalten Parochien.
Wir bilden Banden, stranden bisweilen, rufen zwischendurch wie unsere Vormütter „Christ ist erstanden“ und verzweifeln zugleich an vorhandenen Glasdecken und Klippen. Kämpfen bis sie kippen und brechen, stechen in unbekannte See, schwächen patriarchale Strukturen und blechen am Ende die Zeche wegen gender pay gap und so.
Wir nennen das: Church goes pink. Klingt netter und adretter als feministische Kirchenpolitik. Ist aber gemeint.
Für eine feministische statt absolutistische Kirche.
Für gelebte Gleichberechtigung und weibliche Ermächtigung ohne Verdächtigung auf Karrieregeilheit.
Ohne Beileid für die Familie, die bestimmt darunter leidet, weil die Hausarbeit vielleicht ein Partner machen muss. Gott bewahre. Oder eine Partnerin.
Und Männer? Geraten in Panik. Singen wieder Gregorianik, reden von Romanik oder Romantik. Jedenfalls wäre eine hübsche, stille Frau doch nett.
Natürlich nicht alle Männer. Nein! Kenner*innen wissen, es gibt sie, die guten Buben mit hehren Zielen. Gott sei Dank! Nur viel zu wenige!
Liebe Männer, zum Schluss:
Macht es wie unser Boss Jesus! Baut auf Frauen, vertraut uns. Nicht nur als Braut auf eurer Haut und mit euren Kindern.
Lasst uns gemeinsam Kirche sein, als Heimatverein für alle, die Heimat suchen bei Gott.
Spoiler alert: Das geht zusammen nur feministisch. Weil wir nämlich Jesus nachfolgen.
Und Jesus war Feminist wie ihr wisst.
Deshalb stehe ich hier und kann nicht anders als zu bekennen (auch wenn jetzt manche endgültig wegrennen): Jede Christ*in eine Feminist*in. Danke, Jesus!

